Georg Friedrich Haas
*16.08.1953

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Georg Friedrich Haas
Hertervig-Studien | für 6 Stimmen - Werkeinführung

Im Auftrag der Oper Paris schreibe ich an der Oper Melancholia. Das Libretto stammt von Jon Fosse, die Hauptfigur der Oper ist der norwegische Maler Lars Hertervig (1830 - 1902). Die Musik der Hertervig-Studien steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Oper, sie ist aber ein Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit und mit dem Schaffen dieses faszinierenden Malers.

Textgrundlage sind Titel seiner Werke, die in norwegischer Sprache gesungen/gesprochen/geflüstert werden. Ohne dass ein Zusammenhang entsteht, ohne dass eine Geschichte erzählt wird, werden diese Titel als isolierte sprachliche Ereignisse aneinandergereiht.

Hertervig malt Landschaften, aber in diesen Landschaften finden sich nicht – wie bei vielen seiner Künstlerkollegen – idyllische Naturschilderungen (und schon gar nicht jene berüchtigten patriotischen Darstellungen von 'mit der Scholle verbundenen' arbeitenden – oder von der Arbeit ausruhenden -  Menschen), sondern in diesen Landschaften sind mystische, spirituelle, manchmal beklemmend unheimliche, bedrohliche Welten abgebildet. Es ist wie ein Zufall, dass diese mystischen Welten sich exakt mit der Realität jener Natur decken, die Hertervig in den ihn umgebenden Wäldern, Seen, Felsen und Fjorden vorgefunden hat.

Zuletzt wird nur mehr das Wort „Landskap“ (Landschaft) gesungen, das wie ein Schrei manisch wiederholt wird.

Ergänzt werden diese Titel durch Passagen mit einer ausschließlich musikalisch bedingten Stimmbehandlung, in der die Klangfarbe der gesungenen Vokale und Konsonanten eingesetzt wird, ohne dass semantisch bedingt ein Sinn, eine Bedeutung bzw. ein Inhalt entstehen kann.

Das Stück ist für das Ensemble 'Nordic Voices' geschrieben, dessen spezielle Möglichkeiten - insbesondere deren Auseinandersetzung mit traditionellen Gesangstechniken norwegischer Volksmusik und ihre Fähigkeit zum Obertonsingen – kompositorisch genutzt wurden.

Die Hertervig-Studien entstanden 2006 im Auftrag des Festivals Ultima in Zusammenhang mit dem von Lasse Thoressen betreuten Projekt 'Crescentials'.

Georg Friedrich Haas