Georg Friedrich Haas
*16.08.1953

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Georg Friedrich Haas
Hyperion | Konzert | für Licht und Orchester - Werkeinführung

Licht ist ein Musikinstrument.

Eine Veränderung der Farben verändert die Wahrnehmung der Klänge. Zeitlich strukturiertes Licht wirkt wie ein lautloses Schlagzeug.

Seit vielen Jahren (seit meiner Kurzoper Adolf Wölfli aus dem Jahr 1981) versuche ich, für dieses Musikinstrument zu schreiben.

Die Grundkonzeption von Hyperion ist einfach: 4 Orchestergruppen befinden sich an den vier Wänden des Raumes. Ihnen gegenüber, von ihnen gut einsehbar, sind jeweils vier verschiedene Lichtquellen angebracht. Die MusikerInnen reagieren auf das Licht – analog wie sie auf die optischen Zeichen eines/r Dirigenten/in reagieren.

Wie dieses optische Element aussieht, liegt in der freien Entscheidung der das Licht gestaltenden Persönlichkeit: Festgelegt ist in der Partitur lediglich, wann etwas zu geschehen hat. Und es ist notwendig, dass diese Ereignisse so klar sind, dass sie von den InterpretInnen wahrgenommen werden können.

Plötzliche Veränderungen bilden Markierungspunkte im Fluss der Klänge. Allmähliches An- und Abschwellen des Lichts steuert bestimmte (in den Noten festgehaltene) Parameter einer auf harmonische Wirkung zielenden Aleatorik. Und manchmal wird das Licht ganz traditionell als Metronom eingesetzt. Aber das Licht ist kein Dirigent, es ist eine Maschine, die einmal in Gang gesetzt, unerbittlich ihren Zeitablauf durchsetzt.

Es war notwendig, in der Komposition auf diese spezielle Aufführungssituation Rücksicht zu nehmen. In aleatorischen Passagen (die so konzipiert sind, dass exakt vorherbestimmte harmonische Prozesse ablaufen werden) wird die Freiheit der individuell gestalteten Zeit gegen diese Organisationskraft der Maschine gesetzt. Und an die Stelle der dirigierenden Persönlichkeit tritt das Schlagzeug, das jetzt akustisch 'dirigieren' muss, weil ja das optische Dirigieren bereits in der Lichtstimme 'wegkomponiert' ist.

Beim Komponieren musste ich mir immer wieder bewusst machen, das es hier niemanden gibt, der eine allfällige Unsicherheit mit sicherer Hand auffangen kann, niemanden, der zu mehr Kraft ermuntert oder sonst wie korrigierend eingreifen kann. Die Menschen, die diese Musik im Orchester spielen, sind mit ihr und mit dem Licht allein.

In der Musik erklingen u. a. Obertonakkorde und Klänge des temperierten Tonsystems. 2 Klaviere sind im Obertonsystem gestimmt, eines auf der Basis der Partialtöne des Subkontra-A, ein zweites auf der Basis der Partialtöne des Kontra-Es. Die Spannung zwischen Verschmelzung und Reibung – mit der ich in den meisten meiner Stücke bewusst arbeite – ist auch in Hyperion einer der grundlegenden Gedanken.

Aber was an Strukturen aufgebaut wird, zerfällt. Unisono-Melodien verschieben sich in unterschiedlichen Zeitrastern und gegeneinander komponierten Tonsystemen. An den umgestimmten Klavieren werden nicht nur Obertonakkorde, sondern auch Sechsteltoncluster realisiert. Die scheinbar ansteigenden (oder abfallenden) melodischen Bewegungen finden keine neuen Tonräume und treten auf der Stelle. Was als Beschleunigung erscheint, entpuppt sich als Stillstand.

Hyperion ist eine Gestalt der griechischen Mythologie, der Vater des Lenkers des Sonnenwagens, der Morgenröte und der Nacht.

Hyperion ist ein Roman von Friedrich Hölderlin, dessen zentraler Gedanke das Scheitern von Revolution und von Liebe ist.

Hyperion, das Konzert für Licht und Orchester, ist für mich ein erster konkreter Schritt in eine neue Richtung. Hier ist noch Vieles ein Experiment, es gibt für mich große Unsicherheiten (wie reagieren die Menschen, die diese Musik unter diesen ungewohnten Bedingungen spielen? Wie sehr verändert tatsächlich das Licht die Wahrnehmung der Musik? Verändert sie auch die Wahrnehmung der InterpretInnen? Was bedeutet 'Kontrapunktik' zwischen zwei so diametral entgegen gesetzten Materien wie Musik und Licht  – nicht als Nebeneinander, nicht als Verdopplung, sondern als integrierter Bestandteil eines die Gattungen übergreifenden künstlerischen Ganzen?)

Es war ein besonderer Glücksfall für mich, dass die Zusammenarbeit mit rosalie möglich war. Hyperion ist im Dialog mit ihr entstanden.  In vielen Abschnitten habe ich ganz konkret auf ihr Licht reagiert.

Georg Friedrich Haas