Georg Friedrich Haas
*16.08.1953

Nächste Aufführungen

"... aus freier Lust ... verbunden ..."
04.06.2012, Köln (D)
Nach-Ruf ... ent-gleitend ...
14.06.2012, Salzburg (A)
"Ich suchte, aber ich fand ihn nicht."
15.06.2012, München (D)
"Ich suchte, aber ich fand ihn nicht."
30.06.2012, Köln (D)
"... e finisci già?"
25.08.2012, Salzburg (A)

Aktuelles

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Georg Friedrich Haas - Zur Musik

Harmonik der Vergeblichkeit

Zur jüngsten Musik von Georg Friedrich Haas

Wenn etwas als Essenz seiner Musik bezeichnet werden kann, dann sind es Experimente mit dem Klang: Georg Friedrich Haas, in aller Stille zu einem der international bedeutendsten österreichischen Komponisten der Gegenwart avanciert, empfand die klanglichen und harmonischen Möglichkeiten, welche die etablierte wohltemperierte Skala bereitstellt, bald als fesselnde Beschränkungen. Mikrotonal irritierend abgedunkelte Klänge, wie in seinem Ensemblestück Nacht-Schatten (1991) oder in seiner Hölderlin-Kammeroper Nacht (1995/96), bestimmten folgerecht seit Beginn das Komponieren von Haas. Durch intensive Experimente mit schwebenden Obertonkonstellationen erfuhr das klangliche Moment seit dem Ersten Streichquartett (1997) noch eine Radikalisierung: Mit filigranen Klangstrukturen leuchtet die Musik des 1953 in Graz geborenen Komponisten in die dunklen Zonen einer Gesellschaft, die das Andere, Fremde zunehmend ausgrenzt.

Das behutsam Integrative, das aufmerksame Aufeinander-Hören zählen zu den notwendigen Voraussetzungen, um Werke wie das Erste Streichquartett interpretieren zu können: Auf einer eigenwilligen Stimmung der vier Streichinstrumente basierend, die auf vier voneinander unabhängigen Vierklängen beruht, entschwebt das Stück in ausschließlich auf leeren Saiten gestrichenen, natürlichen Flageoletts, mit denen sich durch das mikrotonale Stimmsystem dennoch eine Fülle von unterschiedlichen Tonhöhen erzielen lassen. Ein Werk der gleitenden Übergänge, der minutiös sich entwickelnden und jäh wieder zum Stillstand kommenden Prozesse, die freilich nur durch die genaueste Abstimmung der Interpreten in Gang gesetzt werden können.

Diese Dialektik von individuellen Stimmen und kollektivem Klangresultat hatte Haas zuvor schon in zwei anderen Werken ins Blickfeld gerückt: In dem 1994 entstandenen Stück mit dem unaussprechlichen Titel "...." verschmelzen die individuellen Stimmen eines Akkordeonisten und eines Bratschisten erst allmählich mit dem Ensembleklang, um diesen zu beeinflussen und sich im Gegenzug davon auch inspirieren zu lassen. Radikalisiert wird dieser Prozess in ...Einklang freier Wesen... (1994/96), das direkt Bezug nimmt auf die im Titel angesprochene Hölderlin’sche Utopie und kunstvoll auch unabhängig voneinander spielbare Stimmen von zwei bis zehn Solisten miteinander vernetzt.

Fortgesetzt hatte Haas seine Obertonexperimente in dem Sextett Nach-Ruf...ent-gleitend (1999), dessen auf der Teiltonreihe beruhenden Intervalle im Gegensatz zum Ersten Streichquartett jedoch nicht durch umgestimmte Instrumente erzeugt, sondern ausschließlich der Kontrolle der sechs Interpreten überlassen werden. Diese reizvollen Schwebungen sind immer wieder von merkwürdig bekannt klingenden melodischen Einsprengseln durchwirkt. Allerdings sind diese Reminiszenzen in halb- und vierteltönig temperierten Skalen gesetzt, um dadurch den inhärenten Hauch von Romantik in eine entfremdete Sphäre ent-gleiten zu lassen. Ein Nach-ruf auf die Musikhistorie und zugleich ein Vor-Echo der Faszination entschieden zukünftiger Klänge.

Am radikalsten erschloss sich Haas die obertönige Klanglichkeit in dem formal gewagten Ensemblestück in vain (2000): Wie schon in seinem Violinkonzert (1998) kollidieren in diesem 75-Minuten-Werk aus Obertonreihen gebildete harmonische Strukturen mit Tritonus- oder Quart/Quint-Akkorden. Dadurch entstehen extreme mikrotonale Reibeflächen, die Haas immer wieder in kreisende Spiralformen münden lässt: Klangschleifen, die vorsichtig suchen, tasten und fühlen, aber nirgends zielgerichtet hinzuführen scheinen, wie die Endlostreppen auf den Graphiken von Maurits Cornelius Escher. Ein Hauch von Vergeblichkeit liegt in dieser Musik, die leise an die Unmöglichkeit gemahnt, den perfekten Zusammenklang, geschweige denn das harmonische Zusammenleben der Menschen je erreichen zu können. Kein Zweifel: Durch die Integration des Obertonspektrums hat die seit jeher auf Klangexperimente konzentrierte Musik von Haas ganz neue, noch eigenständigere Qualitäten gewonnen.

Reinhard Kager