Wolfgang Rihm
*13.03.1952

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Wolfgang Rihm
QUID EST DEUS | Cantata Hermetica | für Chor und Orchester - Werkeinführung

Der Untertitel weist auf Hermes Trismegistos, den „dreimal größten Hermes“ hin: auf den weisen Ägypter aus grauester Vorzeit, der – wiewohl sich Philosophen, Alchemisten, Esoteriker, Okkultisten, Freimaurer auf seine göttlichen Lehren beziehen – nie gelebt hat, eine literarische Mystifikation ist.

In seinem  liber viginti quatuor philosophorum („Buch der vierundzwanzig Philosophen“) stellt Hermes 24 aneinandergereihte philosophische Definitionen von Gott. Rihm las am 17. Mai 1997 einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung, der über das Erscheinen einer neuen Übersetzung des Buches berichtet. Er schnitt ihn aus und hob ihn auf, mit der Absicht, den Text einmal zu vertonen. Der Auftrag der Universität, wo er selbst studiert hatte, diente als Anlass, seinen Plan umzusetzen.

Heft 1/2008 der Zeitschrift Kalliope enthält ein vom Komponisten Jakob Neubauer (geb. 1983) geführtes Gespräch mit Wolfgang Rihm. Auf die Frage, warum gerade dieser Text ausgewählt wurde und nach welchen Kriterien Rihm Texte für seine Kompositionen aussucht, antwortete er:

a./ Mir schien dieser Text, der aus dem universitären Raum zu stammen scheint, besonders geeignet über den bloßen Anlass hinauszuweisen: seit Jahren wollte ich ihn in Musik setzen;

b./ Ich spüre meist schon bei erster Lektüre, ob ein Text mit Musik verbindbar sein könnte (meist habe ich auch bereits erste Einfälle beim Lesen).

Jakob Neubauer: Der Text ist eine Zusammenstellung von 24 philosophischen, zum Teil kontradiktorisch angelegten Erklärungsansätzen zu der Frage „Was ist Gott?“ („Quid est Deus?“) Ihre Vertonung weist jedoch eine klare Dramaturgie auf, welche die primär gleich widersprüchlichen Erklärungsversuche unterschiedlich behandelt. In manchen Textpassagen arbeiten Sie lautmalerisch. Was war Ihnen bei der Vertonung dieses Textes wichtig?

Rihm: Was als „klare Dramaturgie“ erscheint, ergibt sich aus der geheimnisvollen Eigenschaft der Musik, stets schlüssig und bündig zu wirken, ist sie erst einmal verfasst. Ihre Gestalt in der Zeit, mit Anfang und Ende, erzeugt den Schein gebundener Absicht. Wir können dem (= dieser Bindungsenergie) nicht entkommen. Der Text ist wie ein „Grund“ – wir „blicken“ durch das Gewässer der Musik zu ihm hinab. Manchmal sehen wir kaum etwas (stehende, sinkstoffreiche Gewässer), manchmal wenig (bewegte Gewässer), manchmal mehr …nie sehen wir alles.

JN: Welche Bedeutung hat für Sie das Verhältnis von Text und Musik? Inwiefern bewahrt der Text seine Autonomie und findet diese durch die Musik hervorgehoben, inwiefern steht er in einem Wechselverhältnis mit der Musik? Welche Gewichtung übernimmt Musik?

Rihm: Das lässt sich alles nicht säuberlich trennen. Ein Text wird etwas anderes, wenn er „in Musik“ steht. Eine Musik verändert sich ebenso durch die Anwesenheit eines Textes. Außerdem gibt es nie nur die eine und einzige Möglichkeit, einen Text in Musik zu setzen. Gleichwohl erscheint uns das so im Moment der Realisation.

JN: Wie stehen Sie zu der in Ihrer Cantata hermetica formulierten Frage: „Quid est Deus?“

Rihm: Diese Frage ist eine Leistung menschlichen Geistes: die Unbeantwortbarkeit wohnt ihr inne.