Wolfgang Rihm
*13.03.1952

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Wolfgang Rihm
Ernster Gesang | für Orchester - Werkeinführung

Als Wolfgang Sawallisch mich einlud, ein Orchesterstück für ihn und das Philadelphia Orchestra zu komponieren, ein Stück, das in einer spezifischen Weise auf Brahms Bezug nimmt, war mir sofort klar, dass dieses Stück kein 'Feuerwerk' werden konnte, sondern eher aus gelegten, verhangenen Stimmen seinen Gesang erheben würde. Die Grundfarbe Klarinetten, Hörner und tiefe Streicher war die erste kompositorische Entscheidung.

Monatelang sang und spielte ich Brahmslieder und Klavierstücke aus Brahms’ Spätzeit durch, blieb bei harmonischen Konstellationen hängen, deren scharfe und zugleich trübe Süße mich nicht losließ – etwa jene Trauben aus Terzschichtungen, aus denen er bittersüße Vorhalte bildete. Immer stärker nahm mich auch die Diskretion gefangen, mit der Brahms verfuhr. Das Arcanum der Vier Ernsten Gesänge erschloss sich mir erst in diesen Tagen des unablässigen Umgangs.

Eine andere Reflexionsschicht zog in meine Arbeit ein: durch den Umgang mit sozusagen väterlichem kompositorischen Material und durch die Ausdruckskraft der Ernsten Gesänge begannen meine Gedanken um meinen eigenen Vater zu kreisen, der kurz zuvor verstorben war und den ich in dieser einseitigen Zwiesprache neu zu verstehen lernte. Mein eigenes Vatersein hat vielleicht die Fähigkeit mich als Sohn begreifen zu können erst herausgebildet. Die künstlerische Filiation scheint äußerlich einfacher verfolgbar, weil vordergründig papieren. Aber auch sie verdankt sich der Arbeit des Sohnes oder der Tochter: mein Material entsteht erst, indem ich es anwende und doch ist es schon immer da. Es ist Gabe. Ich spreche ihr zu.

Der so entstehende Ernste Gesang kann als ein Intermezzo gehört werden, ein Innehalten, Zwischen-Horchen; reflexiver Halteaugenblick in meiner künstlerischen Arbeit, der sich väterlicher Anregung verdankt. Ich widme dieses Stück Musik dem Andenken meines Vaters.

Als ich es in den letzten Tagen des Jahres 1996 in Badenweiler aufschrieb, war ich brahmsreich und brahmsarm zugleich. Die Nachklänge, die erinnerten Konstellationen verschwanden, wenn ich sie berühren wollte oder in eine Konkretion zwingen. Ihr Aufscheinen ist also immer auch zugleich ihr Verschwinden. Zurück bleibt ein Ton-Fall: die Wendung, die zwischen Ankunft und Abschied sich neigt.

Wolfgang Rihm