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Universal Edition - Alexander Zemlinsky – Zur Musik

 

Alexander Zemlinsky

Zur Musik

Alexander Zemlinsky wurde 1871 in Wien geboren. Früh genug, um Johannes Brahms, der einen wichtigen Einfluss auf seine musikalische Entwicklung ausgeübt hat, persönlich kennen zu lernen und in den Genuss seiner Unterstützung zu kommen. (Zemlinskys anderer geistiger Mentor, Richard Wagner, starb 1883, als Zemlinsky zwölf Jahre alt war).

Im November 1910, im Jahr seines Vertragsabschlusses mit der Universal Edition, wurde er vom Verlag gebeten, seine musikalische Laufbahn aufzusetzen. Da heißt es:

„Nach Absolvierung des Conservatoriums wurden ein Streichquintett und eine Violin-Clavier-Suite vom Quartett Hellmesberger aufgeführt. Bei dieser Gelegenheit wurde ich Brahms vorgestellt und trat von dieser Zeit an in näheren Verkehr mit ihm. Bald darauf erhielt eine Sinfonie den Beethoven-Preis und wurde durch die Philharmoniker in einem Konzert aufgeführt. Ein Jahr vorher erhielt meine erste Oper Sarema den Bayerischen Luitpold-Preis und wurde in München und Leipzig aufgeführt. Im Jahre 1900 wurde meine zweite Oper Es war einmal unter Mahlers Leitung in der Wiener Hofoper aufgeführt. Meine dritte Oper Traumgörge wurde von Mahler knapp vor seinem Abgang aus der Hofoper angenommen, von Direktor Weingartner übernommen und harrt noch immer der Aufführung. Meine letzte Oper Kleider machen Leute kommt heuer zur Aufführung.“

Ein viel versprechender Karrierebeginn, den die Wiener Presse entsprechend würdigte. Man schrieb von ihm, als „einen der begabtesten Nachfolger der Brahms-Generation.“

Machen wir einen Sprung nach vorne. Unter dem Titel „Die Rückkehr des Alexander Zemlinsky“ schrieb Peter Dannenberg, einer der Leiter des Zemlinsky-Fonds, eine Einleitung zum Bericht über das Zemlinsky Symposium 1992:

„Als das Institut für Wertungsforschung an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst im Jahre 1974 ein Alexander-Zemlinsky-Symposium veranstaltete, da wurde in den Referaten und Diskussionen über einen Komponisten verhandelt, der ‚mit seinen künstlerischen Leistungen so gut wie vergessen’ war. …Das beredte Plädoyer Theodor W.Adornos, der erstmals 1959 in einem Vortrag im Norddeutschen Rundfunk Hamburg eine Standortbestimmung Zemlinskys versucht und für die Aufführung mindestens eines Teils seines Oeuvres geworben hatte, war gänzlich folgenlos geblieben.“

Dannenberg stellt fest, dass sich die Situation seit den Siebzigern gänzlich veränderte. „Seit Anfang der achtziger Jahre ist das Werk Zemlinskys in die Konzertsäle und Opernhäuser zurückgekehrt.“

Zu verdanken war die Zemlinsky-Renaissance dem LaSalle-Quartett, das die vier Streichquartette eingespielt und immer wieder aufgeführt hatte; der um ein Dreivierteljahrhundert verspäteten Uraufführung der Traumgörge in Nürnberg und die Aufführung der beiden Wilde-Einakter (Eine florentinische Tragödie und Der Zwerg) durch die Hamburgische Staatsoper, in der Inszenierung von Adolf Dresen, die auch von London und Wien übernommen wurde.

1992 konnte Dannenberg feststellen, dass das gesamte Bühnenwerk Zemlinskys bis auf seinen Opernerstling Sarema in die Theater zurückgekehrt war, und das gleiche galt auch für die Konzertmusik. Am Spektakulärsten gestaltete sich die Geschichte der Orchesterphantasie Die Seejungfrau, die in Horst Webers 1977 erschienenen Biographie noch als verschollen galt – Anfang der neunziger Jahre war sie schon, neben der Lyrischen Symphonie, Zemlinskys meistgespieltes Werk. (In der Datenbank der UE sind seit 1996 bis 2010 272 Aufführungen verzeichnet worden).

Was ist im Zemlinskys Leben fehlgeschlagen?

Zunächst einmal war er im Wiener Kunstleben solchen argen Intrigen ausgesetzt, dass er bevorzugte, die Stadt zu verlassen und nach Prag zu übersiedeln, wo er zum Direktor des Neuen Deutschen Theaters berufen wurde. Zwar verwandelte er die tschechische Hauptstadt – um Ernst Hilmar zu zitieren – „zum einem ‚Mekka’ nicht nur für die neue Musik, sondern für das Musikleben schlechthin“. Seine Produktionen von Fidelio, Tannhäuser oder Freischütz waren als exemplarisch gefeiert. Auch setzte er sich für die Musik der Zweiten Wiener Schule energisch ein, dirigierte die Uraufführung von Schönbergs Erwartung, programmierte Bergs Drei Bruchstücke aus Wozzeck oder Weberns Passacaglia. Doch fühlte er sich in Prag einsam, auch war er mit der Verbreitung seiner eigenen Musik unzufrieden.

So folgte Zemlinsky der Einladung Otto Klemperers (dem er die erfolgreiche Uraufführung von Der Zwerg 1922 in Köln, verdankte), die Stelle des Ersten Kapellmeisters in der Krolloper in Berlin zu übernehmen. Er war einem jüngeren Kollegen unterstellt, doch verdiente er mehr als in Prag und hatte nur drei Produktionen in der Saison zu leiten. (Darunter die von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny). Er hatte auch Zeit zum Komponieren und Gastdirigate zu absolvieren. Die Machtübernahme der Nazis bereitete dieser Tätigkeit jedoch ein jähes Ende.

Zemlinsky kehrte nach Wien zurück, kaufte ein Haus, komponierte (u.a. die Sinfonietta für Orchester und das IV. Streichquartett, das er dem Andenken seines verstorbenen Freundes, Alban Berg, widmete) und dirigierte in mehreren europäischen Ländern. Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland musste Zemlinsky realisieren, dass es keine Alternative zur Emigration gab. Als er um ein amerikanisches Visum ansuchte, war er schon ein gebrochener Mann.

Alexander und Louise Zemlinsky kamen in New York am 23. Dezember 1938 an. Sein Gesundheitszustand machte das Dirigieren und Unterrichten unmöglich. Um Geld zu verdienen, wurde es ihm anheim gestellt, populäre Songs zu komponieren. Es liest sich wie ein schlechter Witz: Alexander Zemlinsky sollte unter dem Pseudonym Al Roberts amerikanische Schlager schreiben… Hans Heinsheimer, den er als Mitarbeiter der UE aus Wien kannte, bestellte bei Zemlinsky leichte Kammermusik für Schulen. So entstanden das Jagdstück und die Humoreske. Ein weiterer schlechter Witz: der an schmerzhafter Nervenkrankheit leidende Komponist schreibt eine Humoreske. Bald erleidet er einen Nervenzusammenbruch, dann einen Schlaganfall, dem ein zweiter folgte Er wurde linksseitig gelähmt, die geplante Übersiedlung nach Kalifornien musste fallen gelassen werden. Die Familie zog nach Larchmont im Staat New York, wo Zemlinsky 1942 starb. Eine wahrlich tragische Geschichte.

Es folgten Jahrzehnte der Stille, als ob es den großartigen Musiker, Komponist, Dirigent und Lehrer gar nicht gegeben hätte. Vierzig Jahre nach seinem Tod kam die Wiederentdeckung, mit der Rückkehr von Zemlinskys Musik ins Konzertleben und ins Theaterrepertoire.     

Als Lehrer des um drei Jahre jüngeren Arnold Schönberg könnte Zemlinsky als Vater der Zweiten Wiener Schule betrachtet werden. Diese Bezeichnung ist jedoch nur mit Einschränkung gültig, schreckte er doch vor dem entscheidenden Schritt in die Atonalität zurück und blieb zeitlebens seinen spätromantischen musikalischen Wurzeln treu.

Ihre unterschiedlichen Auffassungen über die Richtung, die die Musik des 20. Jahrhunderts einzuschlagen hatte, führte unvermeidlich zu Zerwürfnissen zwischen Zemlinsky und Schönberg. (Brief Zemlinskys vom Juni 1925: „mit einem Wort, ich verstehe eben doch nicht die Grundlage Deines Systems.“) Die gegenseitige Wertschätzung blieb jedoch aufrecht, ja, Schönbergs beide wichtigsten Schüler, Alban Berg und Anton Webern haben auch immer wieder ihrer Bewunderung für die Kunst Zemlinskys Ausdruck verliehen. Es genügt, die Korrespondenz nach zu schlagen: „Der Briefwechsel der Wiener Schule“, 1995 erschienen, gibt einen faszinierenden Einblick in die innere Welt dieser exklusiven Komponistengruppe, ihre persönlichen und musikalischen Beziehungen untereinander und mit der Außenwelt

Als Beispiel sei hier abschließend aus einem Brief Schönbergs zitiert:

„Also vor Allem will ich Dir sagen, daß ich von meinem Prager Besuch außerordentliche Freude habe. Diese ganze Atmosphäre echten Kunsttreibens, die du um dich geschaffen hast, dieses wundervolle Bild deiner starken Persönlichkeit, die so geeignet ist, Centrum und Vorbild zu sein, die eine starke Herrschaft auf ihre Umgebung ausübt, indem sie producirt, das war für mich vor Allem ein ästhetischer, mehr noch: moralischer Genuß. Und dann dein Musiciren, dieses mit Liebe Musiciren, diese natürliche, ungezwungene selbstverständliche Größe, dieser Ernst, dieser Fleiß, diese Sachlichkeit. (…) Leider bist du nicht berühmt und Gott sei Dank nicht. Denn ich weiß nicht, ob man so ehrlich bleiben kann, wenn man berühmt ist (…)“.