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Universal Edition - Arvo Pärt – Zur Musik

 

Arvo Pärt

Zur Musik

Für den Interpreten...

... kommt die Auseinandersetzung mit Pärts Musik einem Offenbarungseid gleich. Sagt Pärt schon über seinen kompositorischen Ausgangspunkt, dass „es genügt, einen einzigen Ton schön zu spielen“, so gilt dies für die Wiedergabe der Musik natürlich in doppelter Hinsicht. „Schön zu spielen“ heißt hier nichts weniger als 'vollkommen', und so sieht sich mancher, dessen erste Bekanntschaft mit Pärts Musik auf dem entwaffnend simplen Notentext beruht, unversehens mit all dem konfrontiert, was er nicht beherrscht: Plötzlich werden die Gleichmäßigkeit von Auf- und Abstrichen, die Kontrolle des Vibrato, Bogenwechsel, Saitenwechsel und vieles andere mehr zu existentiellen Problemen.

Und keine Virtuosität ist weit und breit in Sicht, hinter der sich wie so häufig Mängel der Technik oder Musikalität verstecken ließen: Kein übermäßiger Vibrato-Gebrauch darf die präzise, sich an den mathematisch exakten Gesetzmäßigkeiten des Obertonaufbaus orientierende Intonierung ersetzen oder entsprechende Unsauberkeiten vertuschen; kein standardisiertes 'espressivo' kann Ersatz sein für das vom Interpreten hier und jetzt geistesgegenwärtig zu entwickelnde Gefühl von Wahrhaftigkeit und Verantwortung gegenüber dem einzelnen Ton. In diesem Zusammenhang kommt einem das Bild des heiligen Christophorus in den Sinn, der in seinem bisherigen Leben seine Kraft und Intelligenz sicherlich an ganz anderen Schwierigkeiten gemessen hat als daran, ein kleines Kind über den Fluss zu tragen – und doch daran fast zerbricht. Die achtzehn Minuten 'Silentium' des zweiten Satzes von Tabula rasa zum Beispiel sind eine Interpretationserfahrung, die man so leicht nicht vergisst. Achtzehn Minuten leise und unterschiedlich lange und sehr lange Töne (dabei nur sieben verschiedene innerhalb des äolischen Modus bei konstantem Grundton) ohne eine einzige Änderung des Tempos, der Lautstärke oder des Charakters bringen den Interpreten entweder direkt in den Himmel oder zur Verzweiflung ... Es sind dies Erfahrungen, die einem aus üblichen musikalischen Zusammenhängen (einschließlich der Ausbildung!) meistens völlig unvertraut sind und bei denen man sich ähnlich nackt vorkommen mag wie dereinst dem Schöpfer gegenüber ...

Scheut man vor einem solchen Bloßgestellt-Sein nicht zurück, so kann die Beschäftigung mit Arvo Pärt geradezu reinigende Wirkung in Bezug auf den Umgang mit Musik überhaupt haben: Eine Tonleiter verliert plötzlich ihre scheinbar selbstverständliche Pauschalität und wird zum bewussten Erleben von kontinuierlichem Steigen und Fallen; und der tausendfach zuvor gehörte, Supermarkt- und Popmusik-verseuchte Dreiklang wird auf einmal zu einer Klangkuppel, in der sich die drei Einzeltöne auf geradezu ideale Weise ihrer Individualität zugunsten einer höheren Sozialität entledigen. Für den mittelalterlichen oder Renaissance-Musiker mag solch heiliges Staunen vor den Phänomenen eine Selbstverständlichkeit gewesen sein – für uns heutige Hörer ist es nichts weniger als die Wiederentdeckung musikalischer Grunderfahrungen. Und schließlich: Was kann es für einen Interpreten Schöneres geben als durch seine Arbeit in der eigenen Hör- und Erlebnisfähigkeit von Musik bereichert zu werden?

Andreas Peer Kähler, Berlin (1995)