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Universal Edition - György Ligeti – Zur Musik

 

György Ligeti

Zur Musik

Jede Komposition ist ein Dokument ihrer Zeit. Im Falle von Apparitions und Atmosphères, der beiden Orchesterwerke György Ligetis, die sein Oeuvre im Katalog der Universal Edition vertreten, ist diese Feststellung im besonderen Maße wahr.

Apparitions (1958/1959) und Atmosphères (1961) dokumentieren die Arbeit des Komponisten nach seiner Flucht aus Ungarn, sie repräsentieren die ersten Schritte (abgesehen von einigen elektronischen Werke, wie Artikulation) in eine Richtung, die ihn bald zu einem der führenden Komponisten der Avantgarde werden ließ.

Zusätzlich sind Apparitions und Atmosphères sind Meilensteine der Musikgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, sie haben ihre Gültigkeit ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen in keiner Weise eingebüßt.

Gleichzeitig sind diese Kompositionen auch Dokumente der Originalität und Experimentierfreudigkeit eines Musikers hinter dem „Eisernen Vorhang”: Ligeti hat sie noch in Budapest konzipiert, die Vision dieser Musik fiel ihm während nächtlicher Spaziergänge ein (der ursprüngliche Titel der Erstfassung von Apparitions war Víziók), als deren Realisation ihm wohl noch utopistisch vorkam.

Zusätzlich ist Ligetis Name im UE-Katalog mit dem seines großen Vorbilds Béla Bartók verknüpft („Ich war ein Bartók Epigon”, gestand er offen ein, mit Hinweis auf sein frühes Schaffen), als Autor des Vorwortes zu dessen 5. Streichquartett. Ligeti war ein analytischer Kopf, wenn er kein Komponist geworden wäre hätte er mit Sicherheit eine erfolgreiche Karriere als Naturwissenschaftler führen können. Zeit seines Lebens bewahrte er seine Neugierde für die Errungenschaften der fraktalen Geometrie und andere Disziplinen, Wissenschaftler waren unter seinen engsten Freunden. Es ist wohl nicht von ungefähr, dass er sich ganz besonders für die Kunst des Holländers Maurits Escher begeisterte.

György Ligeti war ein politischer Mensch. Als Überlebender des Holocaust (er verlor seinen Vater und Bruder, und war nur knapp der Vernichtung durch die Nazis entkommen) war er ein kompromissloser Gegner von Diktaturen aller Ausprägungen. Vor seiner Emigration erlebte er den Stalinismus in Ungarn, der ihm auch als Künstler die Freiheit beraubte. Im Westen angekommen, wurde er über die Jahre eine Art Übervater vieler ungarischer Komponisten. Diese schickten ihm ihre Partituren zu, und schätzten seine Ratschläge und Kommentare als Aussagen eines Weisen.

György Ligeti ist 2006 gestorben. In seinem Fall gilt die leidliche Tatsache, dass der Tod eines Schaffenden mit einer vorübergehenden Flaute seines Ansehens einhergeht, nicht: seine Musik wird weiterhin mit jener Selbstverständlichkeit programmiert, die einem Klassiker zusteht.