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Universal Edition - Karlheinz Stockhausen – Biographie

 

Karlheinz Stockhausen

Biographie

Geboren 1928, Karlheinz Stockhausen war elf als der Zweite Weltkrieg ausbrach – alt genug, um die nachfolgenden Jahre mit dem Bewusstsein eines frühreifen Kindes und jungen Mannes zu erleben. Sein Bewusstsein war auch durch die Tragödien in seiner Familie geprägt. In seiner Autobiographie, verfasst 1970 für den Sender Freies Berlin, schrieb er folgendermaßen darüber:

„Beide Eltern stammten aus Bauernfamilien. Die Mutter wurde, nachdem sie in knapp drei Jahren drei Kinder geboren und in äußerster Armut gelebt hatte, schwermütig in eine ‚Heilanstalt’ eingeliefert und dort 1941 von Staats wegen umgebracht. Der Vater schlug sich ein paar Jahre mit Haushälterinnen herum, heiratete eine davon, zeugte noch zwei Kinder, meldete sich 1939 freiwillig und starb den ‚Heldentod’ irgendwo in Ungarn.“

„Der erste Sohn….wurde Knecht bei einem Bauern, lernte nachts Latein. …wurde auf der Staatlichen Musikhochschule Köln 1947 in die Klavierklasse Hans-Otto Schmidt-Neuhaus’ aufgenommen, studierte 1948-1951 Schulmusik, machte das Staatsexamen ‚mit Auszeichnung’, spielte während der ganzen Zeit fast jede Nacht in Kölner Bars, zu Tanzstunden, reiste mit dem Zauberer Adrion für ein Jahr als Improvisator, leitete ein Amateur-Operettentheater, arbeitete in den Ferien in der Fabrik, bewachte Autoparkplätze und Besatzungshäuser. Betete viel.“

Die Daten in diesem Zitat haben eine besondere Bedeutung. Es grenzt ja an ein Wunder, dass Stockhausen imstande war, 1951, also mit 23 Jahren und alles anderem als einer unbeschwerten Jugend hinter sich, ein Werk zu komponieren, das ein integraler Bestandteil des internationalen Repertoires werden sollte: Kreuzspiel für Oboe, Bassklarinette, Klavier und drei Schlagzeuger. Fast jedes Jahr danach schaffte er Kompositionen, die für andere als Beispiel dienten – Partituren zu folgen, zu studieren, sich nach ihnen richten. Etwa Spiel für Orchester 1952, Punkte für Orchester 1952/1962, Kontra-Punkte für zehn Instrumente 1952/1953, Klavierstücke 1-4 1952/1953, und als Höhepunkt, Gruppen 1955/1957 für drei Orchester. Ein Genie war am Werk, der in den Nachkriegsjahren, als Komponisten entschlossen waren, die Vergangenheit abzulehnen und ein neues Blatt zu wenden, eine Fackel anzündete und für Generationen den Weg zeigte. Die Fackel brannte noch für Jahrzehnte, am Leben erhalten durch eine Reihe von Meisterwerken, die dicht an einander folgten: Studie I für Sinustöne (1953, die erste rein elektronische Musik), Gesang der Jünglinge (1955/1957), Zyklus (1959), Refrain und beide Fassungen von Kontakte im selben Jahr, und so weiter bis in die 60er Jahre und später (Hymnen und Stimmung unter vielen anderen wichtigen Beiträgen zur Geschichte der neuen Musik).

Zurück im Jahre 1951, es kam zu einer Begegnung, die für die weitere Entwicklung des 23-Jährigen von großer Bedeutung werden sollte. Stockhausen berichtete darüber folgendermaßen:

„1951 hat in Darmstadt bei den ‚Ferienkursen für Neue Musik’ ein französischer Musikkritiker eine Schallplatte vorgeführt mit den Quatre études de rythme von Messiaen, und eine von diesen Etuden heißt Mode de valeurs et d’intensités. Ich habe ihn gebeten, das Stück gleich mehrmals zu spielen, und in mir ist eine Welt aufgegangen – eine innere Welt – beim Anhören dieser ‚Punktmusik’, dieser ‚Sternenmusik’, wie ich sie damals nannte. Ich kam dann nach den Darmstädter Ferienkursen nach Köln und erzählte einem Musikkritiker von diesem Erlebnis, und er sagte: ‚Ja, wie klingt denn diese Musik?’. Und da wiederholte ich: ‚Sie klingt wie Sterne am Himmel.’

Ich habe bei diesen Ferienkursen auch einen belgischen Schüler von Messiaen kennen gelernt, Goeyvaerts, und er hat mir erklärt, wie Messiaen das Stück komponierte. Da wurde mir sehr viel klar, denn ich hatte schon früher Zwölftonmusik geschrieben, mir war aber nie die Idee gekommen, dass auch der Rhythmus so nicht-periodisch sein könnte wie die Tonhöhen nicht-tonal sein können, und dass auch die Intensitäten der Töne so unterschiedlich sein können.
Später war dann die Wirkung nicht mehr so stark, als ich das Stück wieder hörte. Ich bin aber aufgrund dieses Erlebnisses vier Monate später, im Januar 1952, nach Paris gezogen, weil ich unbedingt im Kursus von Messiaen Schüler sein wollte, und ich habe in Jahr lang bei Messiaen die Kurse über Ästhetik und Rhythmus gehört.“

Der kurze, fast beiläufige Satz in der Autobiographie, „Betete viel“, und die Assoziierung von Messiaens „Punktmusik“ mit den Sternen weisen auf eine frühe Veranlagung hin, Kontakt mit dem Transzendentalen zu suchen. Sie ist präsent auch in Stücken, denen lange und komplexe theoretische Überlegungen vorangingen. In Stimmung, zum Beispiel, dessen Titel vieldeutig ist: „die reine Stimmung, in der die Vokalisten die 2. 3. 4. 5. 7. und 9. Obertöne zum Grundton des tiefen B singen und immer wieder finden sollen…..und – nicht zuletzt – steckt in dem deutschen Wort ‚Stimmung’ die Bedeutung von Atmosphäre, von Fluidum, von seelischer Gestimmtheit.“ „Gewiss ist ‚Stimmung’ meditative Musik. Die Zeit ist aufgehoben. Man horcht ins Innere des Klanges, ins Innere des harmonischen Spektrums, ins Innere eines Vokales, ins Innere.“

Das gleiche gilt auch für Mantra für zwei Pianisten (1970), das neben einer abstrakten, musikwissenschaftlich nachvollziehbaren und analysierbaren Schicht auch eine andere hat, die Kontakt mit dem Universum sucht: „Die einheitliche Konstruktion von ‚Mantra’ ist eine musikalische Miniatur der einheitlichen Makro-Struktur des Kosmos, und sie ist ebenso eine Vergrößerung ins akustische Zeitfeld der einheitlichen Mikro-Struktur der harmonischen Schwingungen im Ton selber.“

Das transzendentale Denken sollte eine zunehmend große Rolle im Stockhausens Komponieren spielen; es manifestierte sich in Werken, die er nicht mehr bei der Universal Edition verlegte. Es war Alfred Schlee, langjähriger Direktor der UE, der sich nach einem Konzert Stockhausen mit den Worten vorstellte: „Ich bin Ihr Verleger“. Diese Beziehung endete in den späten 60er Jahren, als sich der Komponist entschloss, sein eigener Verleger zu sein.

Nach seinem Tod wird die Zeit, die er in so vielen Werken aufzuheben vermochte, sein Richter sein. Sein Urteil wird das Schicksal des Oeuvres bestimmen. Während er sich überlegt, werden die vielen Werke, die Stockhausen vor mehr als einem halben Jahrhundert der Universal Edition anvertraute, weiter gespielt, mit einer Selbstverständlichkeit, die das Urteil vorwegzunehmen scheint…