Feedback
Universal Edition - Karol Szymanowski – Biographie

 

Karol Szymanowski

Biographie

Die europäische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmte Karol Szymanowskis Leben und Schaffen in einer entscheidenden Weise. Die Tatsache, dass er aus Polen, einem unter mehreren Ländern aufgeteilten, d.h. nicht mehr existierenden Staat kam, führte dazu, dass es keine mit dem Westen vergleichbare Infrastruktur gab, auf die er sich hätte stützen können – etwa Musikverlage. Die Verlage, die im ehemaligen Polen existierten, beschäftigten sich nur nebenbei mit Musik, und der einzige unter ihnen, der sich auf Musik spezialisierte, Piwarski in Krakau, stellte sich für Szymanowski ebenfalls als ungeeignet heraus: er betrieb keinerlei Promotion, hatte keine Kontakte im Ausland, und kam für einen aufstrebenden jungen Komponisten somit nicht in Frage.

Szymanowski sah sich also gezwungen, einen Verlag für seine Musik im Ausland zu finden. Dank seinem Mäzen, dem Fürsten Wladislaw Lubomirski, der in Wien über gute Kontakte verfügte, kam es am 18. Januar 1912, im Großen Musikvereinssaal, zu einem der Musik Szymanowskis gewidmeten Konzert. Auf dem Programm stand seine II. Symphonie, Op. 19 von 1909/1910 (dirigiert von seinem Freund, Grzegorz Fitelberg) und eine Klaviersonate, in der Interpretation von Artur Rubinstein.

Eine Kontaktaufnahme seitens der Universal Edition ließ nicht lange auf sich warten: Direktor Emil Hertzka bot dem damals 30-Jährigen einen 10-Jahresvertrag an. Am 31.3.1912 kam es zur Unterzeichnung – außerordentlich schnell nach dem Porträtkonzert, zumal sich Szymanowski in rechtlichen Angelegenheiten nicht auskannte und zögerte, sich zu verpflichten, ohne zunächst den Fürsten Lubomirski um seinen Rat zu bitten.

So nahm eine beispielhafte Beziehung zwischen Komponisten und Verlag ihren Anfang, die bis Hertzkas Tod 1932 währte. Die rege Korrespondenz zwischen den beiden zeugt von einem auf gegenseitige Wertschätzung und Aufrichtigkeit basierenden Kontakt.

Hertzka sparte nicht mit Beteuerungen der Bedeutung, die er dem Schaffen Szymanowskis beimaß und erweckte dadurch das für jeden schaffenden Menschen unerlässliche, stützende Gefühl, dass dem Verlag einzig und allein sein Werk am Herzen lag.

Hertzka erwies sich also – wie dies in seinem Beruf so wichtig war – als ein großartiger Psychologe, wohl aber mehr als das. Als während des Ersten Weltkrieges der Kontakt zwischen den beiden vier Jahre lang abriss, empfindet man in Hertzkas Antwort auf Szymanowskis ersten Brief eine ehrliche Freude und Erleichterung, dass der Komponist die gefährlichen Zeiten unversehrt überlebt hatte.

Hier ist das erste Lebenszeichen Szymanowskis, geschrieben in einem nicht ganz einwandfreiem Deutsch in Elisabethgrad, am 8. Juni 1918:

„Es scheint mir wirklich seltsam, nach 4 Jahren Ihnen wieder einmal schreiben zu können! Hoffentlich sind Sie noch immer in Wien, auf der Stellung des Direktors der U.E. wie immer tüchtig arbeitend und wohl in guter Gesundheit? Ich wäre recht glücklich alles das von Ihnen erfahren zu können!“

Der Brief gelangte dank einem Offizier, der ihn nach Wien brachte, eine Woche später ins Büro des Direktors. Hertzka antwortete sofort, am 15. Juni 1918:

„Ihr Brief vom 8. Juni, den ich eben erhalte, hat mir eine riesige Freude bereitet. Es war für mich immer eine große Sorge, wie es Ihnen in all den Jahren ergangen ist, denn die Nachrichten, die ich von Ihrer Frau Schwester aus der Schweiz erhalten habe waren nur ganz dürftig, denn auch sie selbst hat, wie sie mir erst vor einigen Monaten schrieb, von Ihnen lange, lange nichts gehört gehabt. Sie können sich gar nicht denken, wie oft wir während dieser Zeit von Ihnen gesprochen haben.“

In einem späteren Brief legt Szymanowski seinem Brief eine Auflistung der während der Kriegsjahre geschaffenen neuen Werke bei – von Opus 26 bis Opus 41. Darunter befinden sich Lieder und Kammerwerke (wie Mythes, Op. 30, Masken, Op. 34, oder das I. Streichquartett, Op. 37), aber auch groß angelegte Kompositionen, wie die 3. Symphonie für Tenor, gemischten Chor und Orchester, das I. Violinkonzert oder das bis heute wenig aufgeführte, ebenfalls großartige Demeter, Op. 37b für Alt-Solo, Frauenchor und Orchester.

Die UE wurde also mit siebzehn neuen Werken beschert. Es war eine großartige Bereicherung des Katalogs, mit Kompositionen, die bis auf Demeter immer noch häufig aufgeführt werden, aber eine schier unüberwindliche Aufgabe für den in den Nachkriegsjahren finanziell angeschlagenen Verlag.

Szymanowski war verständlicherweise ungeduldig: seine Karriere hatte ja vielversprechend angefangen, nur um dann eine allzu lange Unterbrechung zu erleben. Er wollte seine neuen Werke verstreuen, die internationale Aufmerksamkeit wieder auf sich lenken – und die Universal Edition tat sich schwer, ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen.

So lange Emil Hertzka lebte, war er imstande, die Wogen zu glätten und dem Komponisten weiterhin das Gefühl zu geben, dass der Verlag ihm mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zur Seite stand. Nach dem Tod des Direktors 1932, dessen Nachricht Szymanowski mit Bestürzung und Trauer zur Kenntnis nahm, änderte sich allmählich Qualität und Quantität der Kontakte mit der UE.

Hertzkas Platz wurde von Dr.Alfred Kalmus eingenommen, der sich – wie sein Vorgänger nach dem I. Weltkrieg – in der katastrophalen Wirtschaftslage nach dem Börsenkrach 1929 außerstande sah, Szymanowskis Forderungen gerecht zu werden. Bald wurde die Korrespondenz durch die Assistentin des Komponisten und, seitens der UE, Fräulein Rothe geführt. Es kam zu einem Bruch, als sich der Komponist weigerte, seinen Vertrag unter denselben Bedingungen zu verlängern. Nachdem er die Hoffnung aufgegeben hatte, seine Werke (das Ballett Harnasie, Op. 55, die 4. Symphonie, Op. 60 und das 2.Violinkonzert, Op. 61) in Druck zu sehen, platzierte er diese bei Max Eschig in Paris.

Am 29. März 1937 verstarb Karol Szymanowski in Lausanne. Der letzte Eintrag in der Korrespondenz mit der UE ist ein Telegramm der „Universaledition“ an das Sekretariat des Komponisten:

„Tief betrübt über schweren Verlust den ganze musikalische Welt durch Ableben Szymanowskis erleidet bitten wir Sie und Familie Szymanowskis den Ausdruck unseres tiefsten Beileides entgegenzunehmen.“

Ein Jahr später, 1938, verlor Österreich durch den Anschluss seine Unabhängigkeit, die Universal Edition wurde eines Großteils seiner Mitarbeiter verlustig. Die Welt Emil Hertzkas war verschwunden.