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Universal Edition - Luciano Berio – Zur Musik

Luciano Berio
 

Luciano Berio

Zur Musik

Die Vergangenheit als Zukunft: Luciano Berio

Nach dem Zweiten Weltkrieg fühlten sich viele Komponisten dem Ruf nach einer tabula rasa verpflichtet. Ein Komponist wie Berio, dessen Wurzeln so tief in den Errungenschaften von vier Jahrhunderten verankert waren, zog so etwas nie in Erwägung.

Sein Werk hatte ständig Anknüpfungspunkte ge- und erfunden, wo andere nur die Alternative eines Bruchs sahen. Das bedeutet aber nicht, dass er jemals von der Nostalgie befallen wurde, die in vielen Kompositionen des vegangenen Jahrhunderts spürbar ist. Ganz im Gegenteil hatte er sich stets eine unstillbare Neugier auf die Erkundungen seiner Zeitgenossen bewahrt – sowohl auf die musikalischen wie auch auf andere. Aber seine Dialoge mit Literatur, Linguistik, Musikethnologie oder Anthropologie hatten sich immer als höchst schöpferische Feldzüge erwiesen. Er eignete sich das Material an, das ihn als Musiker faszinierte, um daraus kreative Konsequenzen zu ziehen, die oft weit entfernt vom originalen Kontext waren. Das ist eine kollegiale ‚Hommage‘, keine Imitation. Einmal von seinen Lehrjahren in den späten 40er und frühen 50er Jahren abgesehen, konnte man Ähnliches über die Reaktion auf seine musikalischen Zeitgenossen konstatieren. Schon damals zeigte sich in seiner postwebernschen Gesinnung eine Eigenheit, die seither für sein Oeuvre bezeichnend geblieben war. Aus der anfänglichen Faszination über das grenzenlose metamorphische Potential schälte sich allmählich Berios Grundsatz heraus: Man kann schon Geschaffenes immer wieder nachschöpfen. Die melodische Ausstrahlung seiner Werke der 50er und 60er Jahre – sei es nun die nervöse Brillanz der Sequenza I für Flöte oder die mittlerweile klassische lyrische Intensität der für Cathy Berberian geschriebenen Stücke wie Circles oder Sequenza III – bezeugt Berios Fähigkeit, mit der er sich dieser Mittel bediente. Die Serie Chemins su Sequenza steht nicht nur als ein Beispiel für ein work in progress (James Joyce), sondern auch als eine Verpflichtung, jedes abgeschlossene Werk als ein listening in progress zu betrachten. In den 60er Jahren gab es aber auch schon die ersten Anzeichen für einen Unwillen, musikalische Tradition zu vernachlässigen.

Obwohl einige Zeitgenossen sich damit abfanden, Harmonie einfach als eine Form von ‚Textur‘ zu betrachten, hatte Berio immer wieder die harmonische Dimension als wichtigste Kategorie seines musikalischen Denkens begriffen. Die Erziehung seines eigenen Hörverhaltens in Sachen Harmonie, wiewohl auch desjenigen seiner Hörer, beruhte ursprünglich auf Berios ungewöhnlich wacher Intuition – z. B. in Sequenza IV für Klavier. Diese Intuition kristallisierte sich aber bald zu einer klaren Konzeption, zuerst in O King, dann in vielen Werken der frühen 70er Jahre: nämlich das Erkunden der Konsequenzen, die bei der Projektion einer melodischen Linie auf die harmonische Ebene entstehen. Die Früchte dieses geduldigen Forschungsprozesses konnten in den Hauptwerken der 80er und 90er geerntet werden, wo die Harmonie ihre Rechte als organisatorische Kraft hinter solch wichtigen Musiktheaterwerken wie La vera storia, Un re in ascolto und Outis einfordert, aber auch das meisterhafte Konzept der Sequenza XIII für Akkordeon bereichert. Obwohl Berio in den späten 50er Jahren als unermüdlicher Forscher elektronischer Musik geschätzt wurde, zog er immer die Risiken und Möglichkeiten des realen Musizierens der abstrakten Suche nach ‚neuen Klängen‘ vor. Wenngleich die Gemeinschaft, die in einem Konzertsaal entsteht, eher zerbrechlich und von kurzer Dauer ist, ist es eine, um die sich Berio mit einzigartiger Zielstrebigkeit bemühte. Berio war schon seit den 60er Jahren ein Anhänger von McLuhans Idee des ‚global village‘ (einer Gemeinschaft übrigens, in der ein Konzertsaal oder ein Radiosender einen Mikrokosmos bilden könnte). So formulierte Berio die Aufgaben der Musik nicht nur im Hinblick auf ihre eigene einzigartige Geschichte, sondern auch im Hinblick auf allgemein menschliche Anliegen, die ohne ein solch geduldiges und engagiertes Beharren sehr leicht in Vergessenheit geraten könnten. Seine Musik „weigert sich zu vergessen”.

David Osmond-Smith
Übersetzung: Elke Hockings und Claudia Patsch