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Universal Edition - Wolfgang Rihm – Pol – Kolchis – Nucleus

Wolfgang Rihm

Wolfgang Rihm
Pol – Kolchis – Nucleus

Entstehungsjahr: 1996
Instrumentierung: für Ensemble
Komponist: Wolfgang Rihm
Besetzung: 0 0 2 0 - 1 2 1 0 - Schl(2), Hf, Klav, Va(1), Vc(1), Kb(1)
Besetzung Details:
Klarinette
Bassklarinette
Horn
Trompete(2)
Schlagzeug(2)
Harfe
Klavier
Viola
Violoncello
Kontrabass
Bemerkungen: Pol, Kolchis und Nucleus sind auch einzeln aufführbar, siehe einzelne Werke.
Dauer: 18′
 
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  • Rihm Wolfgang

  • Pol – Kolchis – Nucleus





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Hörbeispiel

Pol – Kolchis – Nucleus

Uraufführung

Ort: Badenweiler / Deutschland
Datum: 13.11.1996
Orchester: Ensemble Intercontemporain
Dirigent: Pierre Boulez

Werkeinführung

Selbstverständlich gibt es keine Fahrkarte von einem Pol über ein Kolchis zu einem Nucleus. Wollen wir geführt, gefahren werden? Drei kurze Stücke, ein Triptychon. Manchmal stehen im Atelier die Stücke (fertige, unfertige - wer weiß es?) nebeneinander, absichtslos, und geben für einen Augenblick preis, daß sie aueinanderbezogen sein könnten. Durch die Dreierposition ist sofort 'Altar' assoziierbar (vom "Triptychon als Pathosformel" sprach Klaus Lankheit). In der Musik durchstreicht aber die Zeitfolge jedes zentriert Sakrale. Drei kurze Stücke: jedes mit eigener Geschichte.

Pol entstand als Geburtstagsgruß für Paul Sacher zum neunzigsten Geburtstag; allerdings in einer ersten Version für sechs Instrumente. Diese Version wurde für das Triptychon übermalt mit den Instrumentalfarben, die durch Nucleus für 13 Instrumentalisten zur Pol-Besetzung hinzugekommen waren. Nucleus verdankt sich ganz dem Badenweiler Anlaß: ein Gruß an Pierre Boulez, potentieller Kern für weitere Anlagerungen, Fortspinnungen und Auswüchse. Ähnlich wie schon bei der Pol-Übermalung gerinnt im korpuskelhaft geformten Klaviersatz die Harmonik der umgebenden Bewegungsverläufe, als könnte sie in die Hand genommen werden: Bei Pol entstand so eine kontrovers überdichte Kontrafaktur des Zustandes.

Nucleus ist dagegen integrierter gedacht, vielleicht auch organischer. Ein einziger Klangkörper in seiner Bewegung wird 'sichtbar'. Ja, hören wir das Geschehen als Skulptur in der Zeit: einer meiner frühesten Wünsche an die Musik und an das Hören. Auch hier: Kontraktionen der horizontalen Bewegungs-Harmonik in vertikalen Akkordkörpern, die - Satzzeichen gleich - den fortschwingenden Text gliedern, ihn schnüren und öffnen, fesseln und freisetzen: jedoch niemals orthographisch, immer der für mich verpflichtenden Ansprüchlichkeit des Nervösen, der reizleitenden Syntax, der Spannungstransformation entstammend. Durs Grünbein sprach einmal von einer "Poetik, die mimetisch der natürlichen Nervosität folgt". Und er meinte damit "das Gewitterhafte der Reflexe in manchen Texten... bei aller Genauigkeit der Struktur, also: das schwingende Spinnwebnetz" (in einem Brief an mich vom 26.4.1996). Ich darf das hier auf meine Wünsche und gestalterischen Sehnsüchte als Klang-Formender beziehen; Grünbein bezog es auf dichterische Texte. Es trifft meine Ahnungen und Ideale von Form und Formung.

Kolchis, das Mittelstück, für fünf Instrumentalisten, habe ich für Kurt Kocherscheidt komponiert. Es wurde in seiner letzten großen Wiener Ausstellung (in der Secession) aufgeführt. An den Wänden seine Bildkörper, darunter 'The Boys from Kolchis'. Kocherscheidt starb im selben Jahr, 1992. Ich verdanke der sinnlichen Ungefälligkeit und dunklen Schönheit vieler seiner Arbeiten enorme Impulse.

Vielleicht gelingt es, meine drei kleinen Stücke für Ensemble als eine Form zu hören, die aus vielen Anregungen einen Moment zusammenschießender Energie artikuliert, der Fragezeichen und Doppelpunkt in sich überblendet.

Josef Häusler bat mich, einen Text zu meinen Stücken zu verfassen. Er kennt mich über 25 Jahre und weiß, wie ich solche Texte hasse, sie aber immer wieder - oft eben freundschaftlich gebeten - mir abzwinge. Wie gerne hätte ich gelesen, was er - einer der genauesten Kenner meiner künstlerischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten - an den Noten wahrgenommen hat. Aber die Zeit war zu knapp, und noch immer hängt scheinbar das Damoklesschwert der Erklärungsbedürftigkeit über der Musik. Dabei wechselt die Musik stets den Platz; und sollte das Schwert herabsausen, trifft es garantiert den Falschen, genauer: das Falsche. Aber vielleicht hat soeben ein gordischer Knoten Platz genommen...


Wolfgang Rihm, September 1996

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