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Universal Edition - Wolfgang Rihm – Zur Musik

Wolfgang Rihm
 

Wolfgang Rihm

Zur Musik

Wolfgang Rihm hätte Dichter oder Maler werden können. Das Mitteilungsbedürfnis hatte er schon früh, auch das Vermögen abstrakten Denkens. Er ist Komponist geworden: er teilt sich durch Töne mit.

Rihm ist eine überlebensgroße Erscheinung, sowohl was sein enzyklopädisches Wissen anbelangt, als auch sein Schaffen, das ebenfalls Enzyklopädisches, Allumfassendes an sich hat. Das gleiche gilt für sein Wirken, als Lehrer (er ist Professor für Komposition an der Musikhochschule in Karlsruhe), als Schreibender (mehrere Bände seiner Schriften, darunter auch Interviews, sind erschienen), als Vortragender (er ist ein charismatischer Redner) und Vertreter seiner Zunft in öffentlichen Gremien, darunter die GEMA.

Mitteilen: das heißt, etwas ausdrücken zu wollen. Der ungeheure Ausdruckswille seiner Musik, ihre ungemein starke Ausdruckskraft schockierte (beeindruckte aber auch) die Anwesenden der Uraufführung von Sub-Kontur, einem fast halbstündigen Orchesterwerk, 1976 in Donaueschingen. Rihm war 24 Jahre alt. Er musste die ärgsten Beschimpfungen über sich ergehen lassen, seine Art von Ausdrucksmusik war in den siebziger Jahren einfach nicht comme il faut.

Über dreißig Jahre später ist das schon Musikgeschichte. Rihm ist sich und seinem Ausdruckswillen treu geblieben, die Kritiken von damals sind stummes, gelbliches Papier geworden. Rihm ist also sich selbst treu geblieben. Das heißt, dass sich seine Musik jedem Versuch, sie einzuordnen, widersetzt. Mit jedem Werk überrascht er seine Hörer, oft auch sich selbst. Grundsätzlich gilt: jedes abgeschlossene Stück wirft Fragen auf, die er versucht, im neu in Angriff genommenen Werk zu beantworten. Seine veröffentlichten „Antworten“ zählen inzwischen etwa 350.

Wie findet man sich in diesem Labyrinth zurecht? Das Werkverzeichnis versucht, Hilfe zu leisten, indem Werke nach Gattungen, Besetzungsgröße und Inspirationsquellen sowie in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet werden.

Unter den Gattungen kommt man zunächst auf die Bühnenwerke. Ein Jahr nach Sub-Kontur entstand, im Auftrag der Hamburgischen Staatsoper, Jakob Lenz, wohl die meistgespielte Kammeroper eines lebenden Komponisten. Wieder einmal: großartige Ausdrucksmusik, mit idealen Rollen für einen Bariton, einen Bass und einen Tenor. Mit elf Instrumenten ist die Besetzung für jede Werkstattbühne geeignet, aber Jakob Lenz wird auch in großen Sälen angesetzt.

Die Eroberung von Mexico (1987–1991), vom Komponisten als Musiktheater bezeichnet, scheint ebenfalls regelmäßig in den Spielplänen von hauptsächlich deutschen Opernhäusern auf. Séraphin mit dem Untertitel Versuch eines Theaters – Instrumente/Stimmen … nach Antonin Artaud, ist eine willkommene Herausforderung für experimentierfreudige Regisseure: ohne Text heißt ohne Handlung. Mit diesem Material kann einfach alles gemacht werden: eine Geschichte entwickeln, Akrobaten auf der Bühne agieren lassen, Videos projizieren … In letzter Zeit hat Rihm wieder zunehmend für die Bühne gearbeitet: im Monodram Das Gehege, Eine nächtliche Szene (2004/2005) nach Botho Strauß, Penthesilea Monolog (2005) nach Heinrich von Kleist (beide Einakter, zusammen mit der Szenarie Aria/Ariadne (2001), eine Vertonung der Klage der Ariadne aus Nietzsches Dionysos-Dithyramben sind unter dem Titel Drei Frauen als abendfüllendes Bühnenwerk, mit neu dazu komponierten Zwischenspielen, 2009 in Basel uraufgeführt worden). Goethes Proserpina entstand als Monodrama für die Schwetzinger Festspiele 2009. Nietzsches Dionysos-Dithyramben dienten erneut als Vorlage für Rihms jüngstes Musiktheater, Dionysos (2009–2010), das 2010 bei den Salzburger Festspielen mit großem Erfolg zum ersten Mal gezeigt wurde. Dieses Werk wird vom Komponisten als Opernphantasie bezeichnet.

Wenn man sich die Werkliste näher anschaut, erkennt man leicht, dass zahlreiche Kompositionen Gruppen oder Reihen bilden. So hat Rihm zum Beispiel fünf Werke unter dem Titel Abgesangszene (1979–1981) komponiert; der Chiffre-Zyklus (1982–1988) besteht aus acht mit Ziffern versehenen Werken sowie aus Bild (eine Chiffre) (1984), und einem Nachgedanken aus dem Jahr 2004: Nach-Schrift – eine Chiffre. Über die Linie heißen sieben Werke für Soloinstrumente mit oder ohne Orchester sowie kleine Besetzungen. Bis jetzt gibt es vier Orchesterkompositionen unter dem Titel Verwandlung (zwischen 2002 und 2008 entstanden), vielleicht wird die Reihe fortgesetzt. Den fünf Stücken, – Versuchen – die dem Gedenken des großen Freundes Luigi Nono gewidmet sind, kommt im Oeuvre eine zentrale Bedeutung zu. Allerdings sind sie in der Liste schwer zu finden: der Hinweis auf Nono scheint nur in den Untertiteln auf, etwa: La lugubre gondola / Das Eismeer. Musik in memoriam Luigi Nono (5. Versuch) aus den Jahren 1990–1992.

Der aufmerksame Leser des Verzeichnisses wird Hinweise auf die Arbeitsweise des Komponisten finden, und zwar in Klammern nach den Titeln. Ein gutes Beispiel ist Jagden und Formen für Orchester, dessen erste beiden Zustände (1995–1999 bzw. 1995–2000) zurückgezogen wurden, zwei weitere Fassungen jedoch sind gültig: die von 1995–2001 und der Zustand 2008, der zwei Jahre lang für den Auftraggeber, das Ensemble Modern, reserviert wurde.

Es gibt ein weiteres Kriterium, nach dem Rihms Kompositionen zugeordnet werden können: dem Stil, der musikalischen Sprache nach. Seine Musik ist ja avant-garde und (nur des Wortspiels willen) arrière-garde. Sie ist auf dem Programm von Festivals für Neue Musik genauso zu Hause wie in Abonnement-Konzerten oder bei kirchlichen Feiern. Man kann vielleicht grundsätzlich sagen, dass die Werke für Ensemble (geschrieben für das Ensemble Intercontemporain, das Ensemble Modern, die Musikfabrik, das ensemble recherche, usw.) als „Neue Musik“ zu bezeichnen sind. Sie sind teilweise Gemeingut geworden und werden mit einer Selbstverständlichkeit programmiert, wie etwa die Mahler-Symphonien durch Orchester, zusätzlich zu den schon genannten Chiffre-Stücken (einzeln oder als Zyklus) und Jagden und Formen auch abgewandt 1 und 2 (1989 bzw.1990), Pol – Kolchis – Nucleus (1996), Bild (eine Chiffre) (1984) und andere. Merkwürdigerweise sind manche großartigen Ensemblestücke fast in Vergessenheit geraten, wie Cuts and Dissolves, jene Orchesterskizzen, die der 24-Jährige als eines der allererstes Auftragswerke des Ensemble Intercontemporain komponierte und nach vielen Jahren (2004) bei Ars Musica in Brüssel für sich selbst wieder entdeckte.

Unter den groß besetzen Orchesterwerken gibt es zahlreiche, der „Neuen Musik“ zuzurechnende Kompositionen, darunter auch Zyklen. Einige Titel seien hier erwähnt: Klangbeschreibung 1, 2, 3 (1982–1987), Tutuguri I–IV (1981–1982) und Unbenannt I-IV (1986–2003).

Als Rihm beauftragt wurde, vier kurze Orchesterstücke zu komponieren, die zwischen einzelne Sätze des Brahms-Requiems zu integrieren waren, gelang es ihm, ohne auf Kompromisse einzugehen, seine Musik in die Brahms’sche zu integrieren: Das Lesen der Schrift (2001–2002). Ähnliches gilt für ein anderes Brahms-bezogenes Werk: Ernster Gesang (1996), das eine seiner meistgespielten Kompositionen wurde. Was ist aber die Erklärung für die Wagnerschen Harmonien, die Wagnersche Welt von Drei späte Gedichte von Heiner Müller (1998–1999)? Oder für die manchmal an Schubert gemahnende Gesanglichkeit von Deutsches Stück mit Hamlet (1997–1998)?

Um die Fragen fort zu setzen: wie sind die bisher entstandenen fünf Werke unter dem Titel Vers une symphonie fleuve (1992–2009) zu bezeichnen? Neue Musik? Musik für Abonnementkonzerte? Für manche sicherlich zu traditionell, für andere zu modern. Musik, die man immer wieder hören, sich in ihre Welt einleben muss (dies gilt selbstverständlich auch für alle anderen aufgelisteten und nicht aufgelisteten Kompositionen).

Vollständig kann diese Skizze sicherlich nie werden, eines muss aber unbedingt festgestellt werden: Wolfgang Rihm ist einer der wichtigsten Liedkomponisten unserer Zeit. Die Palette der vertonten Dichter lässt die Belesenheit des Komponisten erahnen. Beispiele: Alexanderlieder (1975–1976) nach Ernst Herbeck, Wölfli-Liederbuch (1980–1981), Das Rot (1990) nach Karoline von Günderrode, Ende der Handschrift (1999) nach Heiner Müller, Rilke: Vier Gedichte (2000), Lavant-Gesänge (2000–2001), Goethe-Lieder (2004–2007) ...