Feedback
Universal Edition - Lucas Fels über Wolfgang Rihm

 

Lucas Fels über Wolfgang Rihm

„Alles, was er schreibt, ist seine Biografie“

1985 haben Sie das ensemble recherche gegründet. Kannten Sie schon damals Wolfgang Rihm?

Fels: Ich weiß noch wie ich ihn musikalisch kennen gelernt habe: In der Musikhochschule haben Sie den ganzen Chiffre Zyklus gespielt, kurz nach dem Ende meines Studiums. Ich war ziemlich schockiert, nicht negativ schockiert, aber schockiert. Nach meinen ganzen Erfahrungen mit den Komponisten die damals in Freiburg waren – das war immer noch die Zeit als Klaus Huber und Brian Ferneyhough in Freiburg unterrichtet haben – hat niemand so komponiert. Das war sehr deutlich. Auch sein Lehrer Klaus Huber, der ihn immer geschätzt hat, meinte – und jetzt übertreibe ich natürlich – eigentlich kann man so nicht komponieren. Eigentlich geht das nicht.

Wann kam er dann selbst aufs Programm?

Fels: Da war ein Konzert in Baden-Baden im Rosbaud-Studio und Josef Häusler hat gefragt, ob wir zum 40. Geburtstag von Rihm ein Konzert machen wollen. Wir gingen in den Saal hinein; ich ging neben Häusler und hinter uns ging Wolfgang, und Häusler sagte in seiner ganz trockenen Art: „Na wie sieht’s aus Herr Fels? Wollen Sie sich die Hände an dieser Musik schmutzig machen?“ Und Wolfgang stand grinsend hinter ihm. Das war sozusagen der Beginn unserer beruflichen Zusammenarbeit.

Haben Sie das Gefühl, dass Werke, die Sie uraufgeführt haben, genau für Sie geschrieben sind?

Fels: Ja, das ist Wolfgang. In diesem Sinne ist er wie Mozart. Er schreibt für den Interpreten, für den er schreibt. Ich kann mich gut erinnern als ich das Cellokonzert uraufgeführt habe. Er hat mir in einem Restaurant in Basel die Noten gegeben, und meine Frau sagt, ich sei ganz blass geworden. Ich habe gesagt: „Wolfgang, vergiss es, das geht nicht, es ist unmöglich.“ Das ganze Stück durch sind nur schnelle Noten, Sechzehntel, fortissimo, fast alles im untersten Register. Du hast nach zehn Minuten das Gefühl, dein Arm fällt ab. Und er sagte: „Nein, nein, das schaffst du schon.“ Er hat das Gespür, für die Individualität eines Interpreten zu schreiben.

Gesungene Zeit ist für Anne-Sophie Mutter geschrieben. Und das war bei vielen Stücken so. Er hat das Gefühl, für diesen Musiker muss ich so schreiben, damit eine gewisse Intensität zustande kommt.

Ist das nur eine technische Herausforderung oder gibt es da auch einen ästhetischen Aspekt?

Fels: Den gibt es. Er schreibt zum Beispiel für einen bestimmten Klang. Das war bei ET LUX so, und beim 13. Quartett. Er fragt: „Was soll ich denn für euch schreiben?“ Und dann diskutieren wir. Er fragt immer wieder. Wobei er dann selbst sagt, wenn er ein Stück von jemand anders gespielt hört, ist er immer ganz glücklich darüber, dass das Stück auch anders klingen kann.

Ist Rihm für Sie ein anderer Komponist, wenn er für andere Besetzungen schreibt?

Fels: Es gibt sehr viele Gemeinsamkeiten. Das Stück, das mich als Interpret neben dem Cellokonzert geprägt hat, ist die Musik für drei Streicher. Das ist für mich wirklich ein Schlüsselwerk der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – wirklich eines der grandiosesten Werke, in jeder Hinsicht. Die Dauer des Stücks, die Energie des Stücks. Das Statement, 1978 so ein Stück zu schreiben, in dieser Art, in diesem Alter – das ist ungeheuer. Es hat immer noch eine unglaubliche Kraft.

Er war dadurch als Traditionalist erst einmal verschrien. Musik für drei Streicher wurde ja in Darmstadt uraufgeführt. Es zeigt sich im Nachhinein, dass diese Position unglaublich radikal war, keine Anbiederung, sondern genau das Gegenteil.

In der Jury für den „Kranichsteiner Musikpreis“ waren Brian Ferneyhough und Helmut Lachenmann, und ich habe mit beiden über das Stück gesprochen. Lachenmann hat das Stück später nochmals gehört, Ende der 90er Jahre, und kam nach dem Konzert mit Tränen in den Augen und sagte: „Jetzt verstehe ich das Stück. Damals haben wir in der Jury gesagt: wir müssen ihm den Preis geben, weil das Stück so unglaublich ist, aber eigentlich kann man so nicht komponieren.“ Aber 15, 20 Jahre später steht er nach dem Konzert da und sagt, dass er es versteht und von einer ganz anderen Seite sieht: als reine Musik.

Hat Rihms Bildung und Allgemeinwissen ihn vor einem zu großen Darmstadt-Einfluss geschützt?

Fels: Ich glaube es ist einfach seine Natur. In diesem Sinne ist er ganz in der Tradition von jemandem wie Schönberg. Alles was er schreibt ist seine Biografie. Es ist immer Autobiografie.

Sehen Sie heute einen Rihm-Einfluss auf  Ihre eigene Musikalität?

Fels: Ja, natürlich. Sehr stark, keine Frage. Nicht nur die Musikalität, sondern auch wie ich über Musik oder viele anderen Dinge denke, ist durch ihn geprägt, wie durch ganz wenige andere.

Ganz wichtig ist es, dass die Interpreten dem Komponisten den Mut geben, etwas zu schreiben, was sie sich ohne diesen Interpreten nicht trauen würden. Es ist für Wolfgang ganz wichtig, dass er immer wieder Menschen hat, die ihm das Gefühl geben: Schreib, was du dir vorstellst, dir stehen alle Türen offen. Diesbezüglich ist Wolfgang natürlich einer der glücklichsten Komponisten, die es gibt, weil er immer unglaublich gute Interpreten hat.

Welche Wünsche hätten Sie für künftige Werke oder die Zusammenarbeit?

Fels: Bleib so wie du bist, aber im Sinne von ‚verändere dich immer weiter, wie du es immer gemacht hast’, weil es kommen immer Überraschungen. Er ist jemand, der bei allem riesigen Erfolg eine unglaubliche Selbstkritik hat. Und da gibt es Punkte, wo wieder etwas Neues beginnt; er traut sich etwas wie ET LUX zu schreiben. Es gibt dann Stücke, die wie Wegpunkte sind, wo es irgendwo plötzlich in eine andere Richtung geht. Und da ist er dann auch wahnsinnig nervös – gelingt es oder nicht?

Er hat eine Fähigkeit der Selbstkritik und Selbsterkenntnis, sodass er sich immer wieder selbst kommentiert, korrigiert und weiter entwickelt. Und in diesem Sinne kann man unglaublich gespannt sein, was kommt, weil: man kann’s nicht wissen.

Lucas Fels ist Cellist des Arditti Quartets

Interview: Jonathan Irons