Universal Edition - Philippe Jordan über Arnold Schönberg

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2012-12-17 14:00

Philippe Jordan über Arnold Schönberg

München, November 2012


Interview mit Philippe Jordan anlässlich der Uraufführung der neuen Ausgabe von Schönbergs 1. Kammersymphonie in der Orchesterfassung von 1914.

Haben Sie die Kammerfassung zuvor schon einmal dirigiert?

Jordan: Nein. Die Kammerfassung habe ich leider noch nie gemacht, allerdings habe ich die für mich sehr schöne und spannende Webern-Fassung vom Klavier aus gemacht. Da gibt es ja diese wunderbare Fassung für Quintett , das heißt die gleiche Besetzung wie bei Pierrot Lunaire, also Solo-Flöte, Solo-Klarinette, Geige, Cello und Klavier, und das gibt diesem Werk eine noch größere Intimität, eine noch klarere Durchsichtigkeit und mildert ein wenig die harten Ecken und Kanten, die natürlich die Erstfassung, die Kammerfassung hat – natürlich mit den ganzen Bläsern und den Hornpassagen, die das ganze Stück herber machen. Bei Webern ist das auch eine sehr, sehr schöne Fassung die oft sehr viel gespielt wird.

Steht die Fassung 1914 zwischen Verdichtung und Breitenwirkung?

Jordan: Für mich das schöne ist, dass ich immer diese Kammersymphonie machen wollte, und immer nach einer Fassung gesucht habe, nach einer Orchestrierung, die von diesem ersten Klangbild, nämlich diesem kammermusikalischen Klangbild sich nicht zu weit entfernt. Und wie – das ist immer die große Frage – wie macht man eine Orchesterversion von einem so kontrapunktisch komplexen Werk, und da ist ja viel Kontrapunkt in diesem Werk. Es gibt 2 Möglichkeiten: entweder macht man das, wie das in der Zeit sehr üblich war, man verdoppelt, man verdreifacht, irgendwelche Motive, die man hört, gibt das speziellen Instrumenten, gibt das dem Blech, damit das noch deutlicher, noch schärfer durchkommt. Also die Masse macht’s sozusagen. Aber man kann natürlich auch auf die andere Seite gehen. Man kann sagen, nicht noch mehr Instrumente, nicht mehr verdeutlichen, sondern entschlacken, damit das Klangbild durch die Transparenz deutlicher heraus kommt. Im Prinzip was ich immer gesucht habe war eigentlich eine Fassung die das Klangbild der originale Kammersymphonie bewahrt, aber es für ein größeres Orchester möglich macht, ohne es zusätzlich zu verdoppeln, Blech noch dazu zu geben, sondern einfach das bewahrt. Die Gefahr ist natürlich, welche Hauptstimmen, Nebenstimmen, gehen eventuell verloren, und Schönberg hat es sich am Anfang sehr leicht gemacht, in dem er es ja dem Dirigenten abgeben hat, ‚Sie machen bitte eine Fassung nach Belieben‘, hat sehr schnell gemerkt, dass das ja nicht ging. Und als ich dann gesehen habe, dass es ja diese Fassung von 1914 gibt, die Schönberg selber orchestriert hat, war das für mich unglaublich dankbar, endlich so eine Fassung gefunden zu haben, die dem wirklich entspricht, und das was ich gesucht habe.

Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen den beiden großen Fassungen 1914 und 1934/35?

Jordan: Der Hauptunterschied zwischen den beiden großen Fassungen, also diese beiden Fassungen für großes Orchester, ist, dass die Fassung von 1935 viel massiver orchestriert ist. Das ist wirklich großes Orchester, in Richtung eines Mahler-Orchesters, und das hat mit Kammermusik in dem Sinn nichts mehr zu tun. Und natürlich das Einschneidende ist der Einsatz des Blechs, Trompeten und Posaunen. Und die sind da natürlich drin, und das macht es dann extrem symphonisch und extrem massiv. Deswegen natürlich lässt Schönberg – damit das nicht durchgehend so massiv ist – das sind die spannenden Seiten dieser späten Fassung – in intimeren und in etwas heikleren Passagen dann oftmals das Soloquartett der Streicher spielen, dass es dann auch wirklich mal kammermusikalische Kontraste gibt, und das ist eigentlich sehr, sehr schön. Das brauchte er in der 1914er Fassung nicht machen, da es grundsätzlich zwar immer noch ein sehr orchestrales Klangbild ist, es ist für großes Orchester, auch die 14er Fassung ist keine Kammermusik, aber sie ist als Klangbild einfach weniger aggressiv, sie ist leuchtender, klarer, sie ist unaufdringlicher und dadurch kommen die Stimmen besser zum Vorschein und darum ist es dann auch nicht unbedingt notwendig auch größere Kontraste zu machen, und manche Passagen, wie in der Kammerfassung dann plötzlich solistisch spielen zu lassen, was natürlich dann für die Streicher auch eine etwas größere Herausforderung ist.

München, 1. November 2012

Eric Marinitsch

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