UniversalEdition Komponisten
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Komponisten
Luciano Berio
Lebenslauf

1925geboren am 24. Oktober in Oneglia, Italien; erste Musikstunden bei Großvater Adolfo und Vater Ernesto, die beide Musiker sind; entwickelt Liebe zum Klavier
1944Einberufung zum Militärdienst; eine Handverletzung beendet die Pianistenlaufbahn
ab 1946studiert am Konservatorium in Mailand Kontrapunkt (Giulio Cesare Paribeni) und Komposition (Giorgio Federico Ghedini)
1950heiratet die Sängerin Cathy Berberian
1951Kompositionsdiplom
1952

besucht einen Kompositionskurs bei Luigi Dallapiccola in Tanglewood (Berkshire Music Festival); erlebt in New York das erste öffentliche Konzert der USA mit elektronischer Musik

1955gründet zusammen mit Bruno Maderna in Mailand das Studio di fonologia musicale (RAI), Italiens erstes Studio für elektroakustische Musik
1956-1959initiiert und leitet die Zeitschrift Incontri musicali sowie die gleichnamige Konzertreihe
ab 1960verbringt viel Zeit in den USA, Lehrtätigkeit an verschiedenen Institutionen
1960hält einen Kompositionskurs in Tanglewood
1961-1962hält Kurse an der Dartington Summer School
1962-1964 unterrichtet am Mills College in Oakland
1965heiratet die Psychologin Susan Oyama
1965-1971unterrichtet an der Juilliard School in New York, gründet das Juilliard Ensemble (1967) und verbringt immer mehr Zeit mit dem Dirigieren
1972Rückkehr nach Europa
1974-1980Leiter der elektroakustischen Abteilung des IRCAM, Paris
1975Dirigent / Künstlerischer Leiter des Israel Chamber Orchestra
1975-1976Künstlerischer Leiter der Accademia Filarmonica Romana
1977heiratet Musikwissenschaftlerin Talia Pecker
1980Ehrendoktorat der City University of London
1982Künstlerischer Leiter der Orchestra Regionale Toscana
1984Künstlerischer Leiter des Maggio Musicale Fiorentino
1987gründet das Zentrum für Live-Elektronik Tempo Reale in Florenz, seitdem Künstlerischer Leiter dieses Instituts
1989Ernst von Siemens-Musikpreis, München
1991Preis der Wolf-Stiftung, Jerusalem
1992Gründungsmitglied der Académie Universelle des Cultures in Paris 
1993-1994Charles Eliot Norton Professur für Dichtung an der Harvard University, Cambridge (USA)
1994das South Bank Centre London widmet Berios Oeuvre das Festival "Renderings"; Premio Mario Novaro, Genua
1995Leone d'oro der Biennale Venedig; 
 Ehrendoktorat der Universität von Siena
1996Hauptkomponist beim Festival Milano Musica; 
 Praemium Imperiale (Japanischer Kunst- und Kulturpreis)
1997Hauptkomponist beim Festival Présences in Paris
1998das Schleswig Holstein-Musikfestival setzt einen Schwerpunkt auf die Werke Berios
1999

Ehrendoktorat der Universität Turin; übernimmt die Leitung der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Rom

2000

Künstlerische Leitung des Festivals "Musik im 21. Jahrhundert", veranstaltet vom Saarländischen Rundfunk (Werke von Boulez, Kurtág, Maderna, Reich u. a.).
Berio wird zum Präsidentenm Intendanten und künstlerischen Leiter der Accademia Nazionale di Santa Cecilia ernannt

2001Premio Internazionale "Luigi Vanvitelli" (Caserta)
Küstlerische Leitung des europäischen Projektes "L'Arte della Fuga" (Spoleto, Den Haag, Lyon, London)
2003Luciano Berio stirbt am 27. Mai in Rom


Luciano Berio (1925 - 2003)

Zum Tode von Luciano Berio

Wollte man einen Topos nennen, mit dem viele Tendenzen wie Gattungen der Moderne zu bezeichnen wären, es wäre der des Labyrinths. Seit der späten Renaissance treibt er die Künstler um. Das Labyrinth ist nicht nur der alte Irrgarten, sondern auch ein Inneres, ein vom Subjekt erzeugtes, ja kaleidoskopisches Mobile, jenseits der vermeintlichen Sicherheit des Zweitdimensionalen. Und wollte man die bedeutenden Künstler des 20 Jhs. typologisieren, man könnte von Labyrinthikern und Nicht-Labyrinthikern sprechen. Der italienische Komponist Luciano Berio war beides: mediterraner Rationalist, auch Pragmatiker, und ein ruhelos Suchender in den Chaos-Schluchten der Geschichte. In Oneglia bei Genua 1924 geboren, galt er stets als eine Art ästhetisch-politischer Gegenpol zu Luigi Nono. Berio, politisch ebenfalls eher links, teilte den Westblick mit einem berühmten Landesmann, dem ebenfalls aus Genua stammenden Columbus. Nicht zufällig hat Berio viel in Amerika gelebt und gelehrt. Ein Dogmatiker ist er nie gewesen. 

Gleichwohl steht der Name Berio für die heroische Pionier-generation der Neuen Musik. Er hat an der Entfaltung vieler weiterwirkenden Ideen und Techniken entscheidenden Anteil gehabt, engagiert, unerhört kreativ und vielseitig, doch stets ohne den Gestus des Alleinseligmachenden. Natürlich hat auch er in den 50er Jahren seriell komponiert, überaus komplex determinierte Strukturen entwickelt, doch bald die Strenge gelockert, in "Allelujah II" erste Beispiele orchestraler "Musik im Raum" geliefert, auch die von John Cage ausgehende Idee mobiler Formverläufe individuell ("Circles", "Tempi concertati") höchst apart weitergeführt. Und als einer der ersten hat er die elektroakustische Dimension von Musik kreativ nutzbar gemacht und ausgerechnet über die Stimme elektronische Meisterwerke gewonnen, zB. in "Omagio a Joyce" oder „Altra voce“. 

Berio, vielseitig gebildet und interessiert, war stets auf einer Doppelsuche - nach Musiksprache und Sprachmusik. Literatur in allen Formen hat ihn fasziniert, weniger freilich als Vehikel semantischer Mitteilung, sondern auch als Rätselgebilde. Das technische Experiment und der Ausdruckswillen fielen bei ihm nicht selten zusammen - bis hin zum signifikanten Doppelsinn des Werktitels: "Laborintus".

Stets hat Berio intensiven Dialog mit der Tradition betrieben. Ihm ist sogar ein Werk gelungen, das mancher fast glaubte populär nennen zu können, auch wenn es durchaus Züge hermetischer Konstruktion verriet: Die "Sinfonia" von 1968, nicht zufällig Leonard Benstein gewidmet, präsentierte im 3. Satz quasi ein "Scherzo to end all Scherzos" als Musik über Musik: Über dem komplett durchlaufenden "Fischpredikt"-Scherzo aus Mahlers Zweiter erhebt sich eine verwirrend dichte Collage aus Zitaten von Bach bis Berio. Das Werk wurde ein enormer Erfolg, trug Berio aber auch den Vorwurf des "Verrats" an der "wahren" Avantgarde ein. 

Berios Lust an der Sprache, an Kommunikation wie Vexierbildern, trieb ihn natürlich auch zum Theater, wo er souverän eine im besten Sinne mittlere Position bezog, in der die Oper weitgehend ins experimentelle Musiktheater überführt wurde: in ein quasi dreidimensionales Labyrinth aus Sprache, Musik und Bildwelt. Ob er in „La vera storia“ Verdis „Troubadour“ verrätselte, in „Un re in ascolto“ im Verein mit Italo Calvino Shakespeares „Sturm“-Prospero zum angstvoll zweifelnden, machtlosen Theaterherrscher machte, stets hat Berio mit hohem ästhetischen Kalkül die Unübersichtlichkeit von Welt und Leben zum Thema gemacht hat. Berios Größe bestand nicht zuletzt darin, dass er den Ausgleich zwischen utopischer Zukunft und den für ihn immer noch fruchtbaren Kräfte der Tradition anstrebte - und doch auf der unaufgelösten, unauflösbaren Spannung zwischen gestern und morgen beharrte. Auch darin hatte er etwas von dem Odysseus, der, um heimkommen zu können, in immer weitere, vielschichtig unermessliche Fernen muss. Am 27. Mai 2003 ist Luciano Berio siebenundsiebzigjährig in Rom gestorben.

Gerhard R. Koch


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Notenblätter
Berio, chemins II b/c
(1925)
Sinfonia III, In ruhig fliessender Bewegung
for eight voices and Orchestra
Berio, Sequenza