Arvo Pärt: Miserere

  • für Soli, gemischten Chor, Ensemble und Orgel
  • 0 1 2 1 - 0 1 1 0 - Schl(3), Org, E-Git, E-Bass
  • Dauer: 30–35'
  • Solisten:
    Sopran
    Alt od. Countertenor
    1. Tenor
    2. Tenor
    Bass
  • Instrumentierungsdetails:
    Oboe
    Klarinette in B
    Bassklarinette in B
    Fagott
    Trompete in C
    Posaune
    Schlagzeug(3)
    Orgel
    Elektro-Gitarre
    Elektrobass
  • Chor: SATB
  • Komponist: Arvo Pärt
  • Inhaltsverzeichnis:
    Versus III–Versus V
    „Dies Irae“
    Versus VI–Versus XXI
    „Rex tremendae“
  • Widmung: für Paul Hillier und das Hilliard Ensemble
  • Commission: Auftrag des Festival d'Eté de Seine-Maritime, Rouen, 1989

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Werkeinführung

Das Miserere beginnt mit dem Ton der nackten menschlichen Existenz. Eine einzige Stimme hebt an zu singen. Im steten Wechsel von langer und kurzer Silbe deklamiert sie die Anfangsverse des vierten Bußpsalms (Psalm 51 „Sei mir gnädig, Herr, nach Deiner Güte …“ ). „Auszuschweigen wortgetreu“ setzt sie nach jedem Wort eine Pause, lässt das Wort Raum gewinnen, damit es angenommen werden kann. Nach dieser gleichermaßen von Klangsinn wie von Ehrerbietung vor dem Wort bestimmten Zeitspanne setzt die Klarinette Tontupfer des immergleichen Akkords in die Stille des Nachhörens. Ihre Agilität lässt sie große Intervalle überwinden; im zweizeitigen Zeitmaß steht sie gegen das dreizeitige Metrum der Singstimme. Auf jeden ihrer Einsätze folgt wieder eine Pause, ehe die Singstimme zum nächsten Wort ansetzt, ein gegenüber alter Meister Art noch gesteigertes Hoquetus-Prinzip zur Trennung von vokaler und instrumentaler Sphäre. Erst der warme Grundton der hinzutretenden Bassklarinette schlägt eine erste Brücke.

Was hier mit einfachsten Mitteln auf kleinstem musikalischen Raum geschieht, ist nichts weniger als der Beginn des mit Klängen antizipierten Dramas vom Ende der Zeiten, wenn die göttliche Sphäre in der musikalischen Gestalt der Dies Irae-Sequenz des Requiems in die bußfertige Menschenwelt einbricht. Zwischen 4. und 5. Vers des Psalms mit unerbittlichem Paukenwirbel angekündigt, regnet es am Tage des Zornes die Glut herab. Die Menschenwelt, vertreten durch die Gesangssolisten, die das Liber scriptus, das zu Ende geschriebene Lebensbuch in Händen halten, völlig von der göttlichen Gnade abhängig, verstummt nach einem starken Crescendo und schweigt die ersten sieben Strophen des Dies Irae-Einschubs.

Der heilige Zorn bricht mit Macht herein, die himmlische Kantorei aus Engeln, den vierundzwanzig Alten der Apokalypse, den vier Evangelisten-Tieren und dem König David, singt sich ohne Pause und quasi senza fine einander die Prophezeiungen des Textdichters Thomas von Celano zu. Wie anders könnte die Zeit des jüngsten Tages hineinfahren in die Menschenmusik, wenn nicht unerwartet, plötzlich, übliche musikalische Klimax-Dramaturgie außer Kraft setzend?

Es ist nicht die bekannte gregorianische Melodie, die Pärt im Dies Irae-Einschub des Miserere zitiert. Bei ihm fallen in einem strengen dreistimmigen Proportionskanon die Chor- und Instrumentalstimmen mit jedem Versikel und jeder Strophe erneut aus großer Höhe und Schritt für Schritt die Tonstufen der reinen a-Moll-Tonleiter herab. Die Posaune, die das Weitende ankündigt, setzt mit ihren Pfundnoten das Maß, während die Trompete aus der tiefinneren Glut dieses Aus- und Einbruchs Feuertöne hervorzüngeln lässt.

Machtvoll klingt hier die Musik, aber sie überwältigt nicht. Im Besonderen in die ihr folgende Stille, sicherlich aber auch in viele weitere Stillen, in die hinein sich der Komponist und die Klänge zurückziehen, kann das Gehörte – als Vergangenes auf Distanz gebracht – reflektiert werden, kann sich aber auch ein in Bedrängnis geratenes Hören wie unter ein schützendes Dach stellen (etwa, wenn vom Holocaust, dem Ganz-Opfer die Rede ist). Dessen ungeachtet gilt wohl, dass, wer Pärt emphatisch zuhört, die Pausen braucht. Als Poet des Mittelalters vor der nächsten Jahrtausendwende sind ihm Pausen eben auch Chiffren von menschlichem Stückwerk einerseits, andererseits Fingerzeige auf die ganz andere Musik.

Auf die mit dem Ton der Glocke gefärbte Stille nach den sieben Strophen des Dies Irae folgt ein Neubeginn. Wie zu Anfang ist es eine einzige unbegleitete Stimme, die die Welt des Miserere aufbaut. Der bisherige Grundton ist jetzt zum Leitton geworden, erste Melismen tauchen auf. Aus der Tiefe zur Höhe und ebenso langsam auch aus lähmender Verzagtheit zu kleingliedrigem Tanz schwingt die Musik aus in Richtung auf Fülle, Tiefe und überraschende Dramatik.

Die angehängte achte Strophe Rex tremendae ist in der Lage, die ungeheuren Spannungen des Miserere aufzufangen: Die fünf Gesangssolisten stammeln einzelne der Silben des vom Chor gesungenen Textes nach; dem Abstieg der ersten sieben Strophen im ersten Dies Irae–Einschub folgt der zarte Aufschwung in der letzten.

Hermann Conen

Hörbeispiele

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Uraufführung

Ort:
Rouen (FR)
Datum:
17.06.1989
Orchester:
Hilliard Ensemble
Dirigent:
Paul Hillier

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