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Georg Friedrich Haas: La profondeur

  • für 13 Instrumentalisten
  • 0 0 2 0 - 1 0 1 0 - Kontraforte, Schl(2), Akk, Klav, Barsax(Es), Vc(2), Kb
  • Dauer: 14’
  • Instrumentierungsdetails:
    Bassklarinette in B
    Kontrabassklarinette in B
    Baritonsaxophon in Es
    Kontraforte (+Fg)
    Horn in F
    Posaune
    1. Schlagzeug
    2. Schlagzeug
    Klavier
    Akkordeon
    1. Violoncello
    2. Violoncello
    Kontrabass
  • Komponist: Georg Friedrich Haas
  • Widmung: dem Klangforum Wien gewidmet
  • Commission: Ein Kompositionsauftrag von Caroline und Stefan Klestil für das Klangforum Wien Uraufführung: 4. Februar 2010 Amsterdam

Werkeinführung

„Das tiefste Register des Ensembles: zugleich Fundament und Abgrund. Musik an der Grenze des Tonmaterials. Der Kontext der scheinbar vertrauten Parameter Zeit, Intervall und Lautstärke ist verschoben. Nacht und Licht“, so skizziert Georg Friedrich Haas sein neues Werk La profondeur. Dreh- und Angelpunkt dieses Werks sind, wie der Komponist hier schon andeutet, die tiefen Tonregionen. In ihnen ist ein spektakulärer Resonanzraum verborgen, der mit seiner Fülle an mitschwingenden Teiltönen das Fundament für den Klang bildet. Der Tonumfang in dem rund 14-minütigen Stück bewegt sich fast ausnahmslos zwischen dem tiefsten Ton eines gängigen Konzertflügels, Subkontra-A, und dem großen G, also nicht ganz zwei Oktaven.

Die Besetzung wird von tief klingenden Blas- und Streichinstrumenten dominiert: Bassklarinette (in B), Kontrabassklarinette (in B), Baritonsaxophon (in Es), Kontraforte (eine neue, dynamisch wesentlich flexiblere Bauart des Kontrafagotts), Fagott, Horn (in F), Posaune Kontrabass und zwei Celli. Hinzu kommen Schlagzeug (große Trommeln, Basspauken und Gongs) sowie Klavier und Akkordeon. Einige der leeren Saiten der Streicher werden umgestimmt: Im 1. Cello klingt die 3. Saite (G) um einen Dreiviertelton tiefer; im 2. Cello wird die 4. Saite (C) um einen Halb- und die 3. Saite um einen Ganzton nach unten gestimmt. Im 5-saitigen Kontrabass sieht die Skordatur Abweichungen von den üblichen Quartabständen im Halbtonbereich vor (C1-E1-Ais1-Cis-Fis). Diese Umstimmungen ermöglichen es, auf leeren Saiten wirkungsvolle Klangreibungen im Mikrotonbereich zu produzieren.

„Die Klänge in diesem Stück beherbergen, wie ich hoffe, eine gewisse Unheimlichkeit“, erklärt Haas, „etwa die große Unisono-Melodie ab Takt 128 [nach den markanten Obertonakkorden in den Streichern, Anm.], die quasi espressivo gesetzt ist, aber in einem Register erklingt, in dem man normalerweise keine espressivo-Melodie schreibt - das hat etwas Abgründiges.“ Die Musik wechselt zwischen Klangmassen und Unisoni, die durch feine Intervallverschiebungen ein schillerndes Innenleben entwickeln. Wie in Zeitlupe umkreisen die Instrumente stellenweise ein oder mehrere Tonzentren. Auf Flageoletts verzichtet Haas (aufgrund der Bindung an das tiefe Register) gänzlich. „Es gibt Situationen, wo sich die Tonhöhen gegenseitig verunsichern“, so Haas. „Die Grenze zwischen Cluster und Akkord verschwimmt. Vieles was in diesem Stück erklingt, steht nicht in der Partitur“ – nicht nur die Obertoneffekte, die besonders im tiefen Register zur Geltung kommen, sondern auch die Tonhöhenveränderungen, die von den Crescendo-[-]Decrescendo-[-]Abschnitten mit ihrer starken dynamischen Fluktuation hervorgerufen werden, oder die Spektraleffekte, die die Streicher mit dem möglichst nahen Aufsetzen des Bogens am Steg erzeugen, die Intonationsschwankungen der Gongs sowie generell die Tonentwicklung im tiefen Register, speziell bei den Bläsern: „Die Töne werden oft so kurz angespielt, dass sie nicht einmal Zeit haben, ihre Tonhöhe zu fixieren. Es ist ein schwankender Boden, auf dem man sich bewegt. Rein physikalisch betrachtet hat das Kontra-C eine Frequenz von ca. 32 Hertz. Wenn ich den Ton eine Zweiunddreißigstel lang klingen lasse, dauert das [bei einem Tempo von 1 Viertel=60] eine Achtel[-]sekunde. In dieser Achtelsekunde vollziehen sich nicht mehr als vier Schwingungen - das reicht bei elektronischer Musik, um die Tonhöhe erkennbar zu machen, oder auch beim Klavier, weil hier die Saiten extrem schnell reagieren, aber nicht bei einer Kontrabassklarinette. Da nimmt man lediglich ein Gurgeln wahr - eben den Einschwingvorgang.“

Im tiefsten (wie auch im höchsten) Register verändern die Klänge ihre gewohnten Eigenschaften. Damit einher geht auch das von Haas erwähnte Phänomen der Verschiebung der Parameter Zeit, Intervalle und Lautstärke. Als Beispiel dafür nennt er das Eingangsmotiv im Klavier, ein sechstöniges Motiv, das in der tiefen Lage kaum als Melodie wahrzunehmen ist. „In dieser Tiefe verschwimmt alles“, erläutert Haas. „Man kann zwar erahnen, ob es sich bei den Intervallen um eine Quint oder Terz handelt, aber dies festzustellen ist viel schwieriger als im höheren Bereich. Würde ich die Tonfolge zwei Oktaven höher spielen, könnte man sie problemlos nachsingen. Im tiefen Regis[-]ter verlieren die Intervalle ihre Identität, die Akkorde ihre Identifizierbarkeit und werden zu bedrohlichen Gebilden.“ Aufgrund der Unberechenbarkeit der tiefen Register, konkret des Wechselspiels zwischen ihren Teiltönen, berge das Stück ein gewisses Risiko in sich, ergänzt Haas.

Für den Fall, dass Sie ein ambitionierter Instrumentenbauer sind, seien Sie gewarnt: Wagen Sie es bloß nicht, an der Klangart des Akkordeons etwas zu verändern. Denn, so Haas, „in Hinblick auf die Takte 112f. [gegen Mitte des Stückes], wo der Akkordeonist zunächst diese Halbtonschichtung im gut klingenden linken Register und dann im hohl klingenden rechten Register spielt, hoffe ich, dass das Akkordeon nie verbessert wird, weil diese Stelle sonst nicht mehr funktioniert. Dieser Klang muss hohl sein. Wenn jetzt ein Instrumentenbauer versucht, diese hohl [-]klingenden Passagen auszubessern, hat das Stück Pech gehabt...“

Lisa Farthofer

Hörbeispiele

Die gesamte Ansichtspartitur (PDF-Vorschau)

Uraufführung

Ort:
Amsterdam (NL)
Datum:
04.02.2010
Orchester:
Klangforum Wien
Dirigent:
Sylvain Cambreling

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