Alban Berg: 3 Bruchstücke

Alban Berg 3 Bruchstücke
3 Bruchstücke

Alban Berg: 3 Bruchstücke

Opus:
op. 7
Kompositionsjahr:
1923
Untertitel:
aus "Wozzeck"
Instrumentierung:
für Sopran, Orchester und Kinderchor ad lib.
Komponist:
Alban Berg
Textdichter:
Georg Büchner
Original-Sprache:
Deutsch
Übersetzer:
Eric Blackall; Vida Harford
Klavierauszug:
Fritz Heinrich Klein (1924)
Rollen:
Marie/Sopran, Mariens Knabe
Instrumentierung:
4 4 5 4 - 4 4 4 1 - Pk(2), Schl(3), Hf, Cel, Str
Instrumentierungsdetails:
1. Flöte
2. Flöte
3. Flöte (+Picc.)
4. Flöte (+Picc.)
1. Oboe
2. Oboe
3. Oboe
4. Oboe (+Eh.)
1. Klarinette in B
2. Klarinette in B
3. Klarinette in B (+Klarinette in Es)
4. Klarinette in B (+Klarinette in Es)
Bassklarinette in B
1. Fagott
2. Fagott
3. Fagott
Kontrafagott
1. Horn in F
2. Horn in F
3. Horn in F
4. Horn in F
1. Trompete in F
2. Trompete in F
3. Trompete in F
4. Trompete in F
Altposaune
1. Tenorposaune
2. Tenorposaune
Bassposaune
Kontrabasstuba
Pauken
Schlagzeug
Celesta
Harfe
Violine I
Violine II
Viola
Violoncello
Kontrabass
Inhaltsverzeichnis:
I – (I. Akt, 2.u.3. Szene) [3 T. v. 305 – 3 T. n. 415] S. 1
II – (III. Akt, 1. Szene) [2 T. v. 5 – 3 T. n. 70] S. 24
III – (III. Akt, 4.u.5. Szene) [1 T. v. 285 – 3 T. n. 390] S. 42
Anmerkungen:
Die wenigen Takte Kinderchor können bei konzertmäßigen Aufführungen eventuell von der Sängerin gesungen werden.
Dauer:
20’
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Hörbeispiele

3 Bruchstücke
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Werkeinführung

Im Januar 1923 kündigte Alban Berg die bevorstehende Veröffentlichung des Klavierauszugs seiner Oper Wozzeck möglichen Interessenten an. Den Druck hatte weitgehend Alma Mahler finanziert – ihr ist das Werk auch gewidmet –, und Berg hoffte, mit der Veröffentlichung nicht nur einen Teil der Kosten wieder hereinzuholen, sondern auch die Aufmerksamkeit von Opernhäusern, Dirigenten und Kritikern zu gewinnen. Einigen von ihnen schickte er sogar Gratisexemplare zu.

Ungefähr zur gleichen Zeit erschien im Anbruch, der Hauszeitschrift der Universal Edition, ein kurzer Beitrag über Berg und Webern, verfasst von Erwin Stein, der ebenso wie Berg bei Schönberg studiert hatte, und im April publizierte Ernst Viebig in der Berliner Zeitschrift Die Musik einen begeisterten Artikel über die Oper.

Der Trubel um die Aufführung zweier seiner Altenberglieder beim berühmtberüchtigten „Skandalkonzert“ im Jahre 1913 hatte Berg eine gewisse, wenn auch unwillkommene Bekanntheit verschafft. Außerhalb der kleinen Wiener Elite um die Schönberg-Schule und den Verein für musikalische Privataufführungen kannte jedoch kaum jemand seine Musik, und es gab wenig Anlass zur Hoffnung, ein Opernhaus werde ein derart schwieriges und komplexes Werk eines jungen, unbekannten Komponisten annehmen. Doch es sollte anders kommen. Am 5. Juni 1923 dirigierte Webern in Berlin die Premiere der ersten beiden der Drei Orchesterstücke op. 6, und am 2. August spielte das Havemann-Quartett das Streichquartett op. 3 beim Salzburger Kammermusikfest. Berg selbst sprach von einer „fantastischen“ Aufführung und das Werk wurde wohlwollend aufgenommen.

Bei diesem Konzert saß auch Hermann Scherchen im Publikum, der Berg die Möglichkeit in Aussicht stellte, einige Teile aus der Oper in konzertanter Fassung aufzuführen. Ein paar Wochen später schickte Berg ihm eine Kopie des Wozzeck-Klavierauszugs und im März 1924 antwortete Scherchen, es sei zwar nicht möglich, die gesamte Oper aufzuführen, doch das Komitee des Allgemeinen Deutschen Musikvereins habe zugestimmt, gewisse Ausschnitte in einem Konzert beim Internationalen Musikfest zu spielen, das im Juni in Frankfurt stattfinden sollte.

Scherchen war sich allerdings noch immer nicht sicher, welche Abschnitte zur Aufführung gelangen sollten. „Bitte geben Sie mir umgehend noch mal genau an, wo die Szenen beginnen u. enden sollten“, schrieb er dem Komponisten. In seiner Antwort umriss Berg mit den genauen Taktzahlen aus dem Klavierauszug (zu diesem Zeitpunkt das einzige verfügbare Notenmaterial zum Werk) die Drei Bruchstücke, wie wir sie heute kennen. Zugleich fragte er aber auch nach: „Steht eventuell ein Tenor zur Verfügung? In welchem Fall die Aufführung auch der letzten Szene des 1. Akts möglich wäre.“ Berg bat außerdem darum, eine kleine Gruppe von zehn Kindern und einen Kindersolisten für das letzte Stück zu engagieren.

Während der Vorbereitungen zur Aufführung tat sich eine ganze Reihe von Problemen auf. Berg witterte „fürchterliche Schererein“, weil die Sopranistin nicht genug Zeit haben werde, ihre Partie angemessen einzustudieren, während Scherchen Bedenken wegen der Militärkapelle im ersten Stück hegte. „Wir müssen es im Orchester spielen: Ein zusätzliches Orchester von 20 Mann ist zu teuer, und man kann nicht einfach ein ganzes Konzertorchester, das im Blickfeld des Publikums ist, von der Bühne gehen lassen.“ Die größte Unsicherheit bestand jedoch darin, dass das Material in so kurzer Zeit vorliegen sollte. Die Drei Bruchstücke waren noch nicht gedruckt und für die Herstellung der handgeschriebenen Stimmen und Partitur, die Scherchen und die Orchestermusiker benutzen mussten, blieb kaum Zeit: „Es sind leider noch viele Fehler vorhanden! Allein in der Partitur habe ich c. 50 (!) gefunden“, schrieb Scherchen nach der zweiten Probe wenige Tage vor der Premiere, doch „das Orchester hat Freude daran, trotzdem wir neulich 3 Stunden an dem 1. u. 3. Stücke u. gestern 2 Stunden am 2. u. 1. Stück gebraucht haben“.

Die erste Aufführung fand am 11. Juni 1924 in Frankfurt statt; Beatrice Sutter-Kottlar von der Frankfurter Oper war Solistin in einem Programm, das noch drei weitere Premieren umfasste: Busonis Faust-Suite (vermutlich die Zwei Studien zu Doktor Faust), ein Werk von Ernst Wolf und eine Symphonie von Erhard Ermatinger. Die Drei Bruchstücke zählten zu den großen Erfolgen des Musikfests, und Berg war hocherfreut: „Alles war prachtvoll“, schrieb er an Webern, „die Aufführung selbst, die Sängerin namentlich. Der Erfolg von Probe zu Probe sich steigernd, bei den beiden öffentlichen Aufführungen endlich in einen großen Sieg ausartend: bei Publikum, Musikern u. Presse.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Erich Kleiber bereits seine Absicht bekundet, die gesamte Oper aufzuführen. Kleiber hatte den Klavierauszug im Herbst 1923 gesehen und – als er sich im Januar 1924 für ein paar Tage in Wien aufhielt – es arrangiert, dass ihm das Werk von dem Pianisten Ernst Bachrich vorgespielt wurde. Bereits nach den ersten beiden Szenen hatte Kleiber entschieden, das Werk in Berlin aufzuführen, und Wozzeck erlebte am 14. Dezember 1925 an der Staatsoper seine Weltpremiere.

Im Mittelpunkt der Drei Bruchstücke steht die Figur der Marie, Wozzecks Geliebte und die Mutter seines Kindes. Das erste Stück beginnt mit dem Orchesterzwischenspiel, das die zweite Szene des ersten Aktes beschließt: Die Nacht bricht herein, und der Klang der Militärfanfaren ruft Wozzeck und Andres in die Kaserne zurück. Es führt über in Akt 1, Szene 3: Marie sieht den Tambourmajor an der Spitze der Militärkapelle an ihrem Haus vorbeimarschieren und singt ihr Kind in den Schlaf, nachdem sie das Fenster geschlossen hat, um den anzüglichen Bemerkungen ihrer Nachbarin zu entgehen. Das zweite Stück umfasst die gesamte erste Szene des dritten Akts und das anschließende Orchesterzwischenspiel. Marie, wegen ihrer Untreue von Schuldgefühlen geplagt, liest in der Bibel, wie Christus der Ehebrecherin vergibt. Wie alle anderen Szenen der Oper hat auch diese eine streng „abstrakte“ Form – in diesem Fall ist es eine Folge von sieben Variationen mit einer Fuge. Das dritte und letzte Fragment beginnt mit der Musik, die Wozzecks Ertrinken am Ende von Akt 3, Szene 4, wiedergibt. Sie geht über in das große d-Moll-Zwischenspiel, das den expressiven Höhepunkt des ganzen Werks bildet, gefolgt von der Schlussszene der Oper, in der Wozzecks und Maries Sohn (nunmehr Waise) beim Spielen auf der Straße vom Tod seiner Mutter erfährt. Die Musik – „senza rit.“ überschrieben – schwindet zu einem ppp und bricht einfach ab, statt zu enden, womit gleichsam angedeutet wird, dass die ganze Tragödie von vorne beginnen könnte, mit dem Sohn an der Stelle des Vaters.

Douglas Jarman, Juli 2012

(deutsche Übersetzung von Christof Rostert)

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Sonderausgaben

3 Bruchstücke

Alban Berg: 3 Bruchstücke

Partitur
für Sopran, Orchester und Kinderchor ad lib. , 20’
Besetzung: 4 4 5 4 - 4 4 4 1 - Pk(2), Schl(3), Hf, Cel, Str

3 Bruchstücke

Alban Berg: 3 Bruchstücke

Klavierauszug
für Sopran, Orchester und Kinderchor ad lib. , 20’
Besetzung: 4 4 5 4 - 4 4 4 1 - Pk(2), Schl(3), Hf, Cel, Str

Uraufführung

Ort:
Frankfurt am Main
Datum:
11.06.1924

Pressestimmen

Der tiefe Eindruck, welchen die Drei Bruchstucke aus Wozzeck allgemein hinterließen, wiegt umso schwerer, als es sonst eine äußerst undankbare Sache zu sein pflegt, aus dem Zusammenhang gerissene Teile einer Oper im Konzertsaale zu Gehör zu bringen. Der dramatische Ausdruck der Musik — echtes, bestes Theater — der Adel der Melodien und der formalen Gestaltung wirkten so überzeugend, das auch der Torso ein Bild von den Qualitäten des ganzen Kunstwerkes geben konnte.

Erwin Stein, Pult und Taktstock, Heft 4, Juli 1924


Am letzten Tage des Tonkünstlerfestes kamen im Rahmen des zweiten Orchesterkonzertes unter Leitung von Hermann Scherchen drei Szenen aus Alban Bergs Wozzeck zur Uraufführung: zwei Monologe der Marie sowie die Schlussszene. Nachdem bereits Kreneks Sprung über den Schatten in die Reihe der Musikfest-Veranstaltungen übernommen worden war, ist wohl ein direkter Vorwurf wegen der nur fragmentarischen, zudem konzertmäßigen Vorführung des Wozzeck nicht angebracht. Anderseits wird durch diese Form der Darbietung eine im eigentlichen Sinne kritische Stellungnahme zu den Bruchstücken aus gleichen Gründen unmöglich; weder Ablehnung noch vorbehaltlose Begeisterung wären gerade einem Bühnenwerk gegenüber nach solcher Probe begründet. Es genüge daher einstweilen das einzige, was zulässig ist: die Konstatierung, dass diesen drei Szenen ein starker, im Rahmen dieses Festes der wohl überhaupt stärkste spontane Erfolg beschieden war, ein Erfolg, der es als wohl zweifellos erscheinen lässt, dass die Oper in kurzer Zeit auf einer leistungsfähigen Bühne zu wirklichem Leben erweckt werden wird. Dies mag hier ausgesprochen und im Übrigen nichts weiter gesagt werden, denn vielleicht ist über Bergs Wozzeck bisher schon zu viel theoretisiert worden, während man das Werk in Wirklichkeit, jenseits aller Betrachtung der Mittel und Wege, noch gar nicht kennt. Von dieser Kenntnis einen kleinen Begriff gegeben zu haben, ist das Verdienst dieser Probevorführung, für deren überraschendes Gelingen außer Scherchen vor allem der wahrhaft inspirierten Wiedergabe der Gesangspartie durch Beatrice Sutter-Kottlar zu danken ist. Dass die bescheidene, ernsthafte Persönlichkeit Bergs dadurch zu einem unerwarteten Triumph gelangte, sei mit besonderer Freude verzeichnet, der wirkliche Erfolg aber kann nur darin bestehen, dass die Oper nun das findet, was sie mit vollem Recht beanspruchen darf: die Aufführung.

Paul Bekker, Musikblätter des Anbruch, 6 Jahrgang, Nummer 6, Juni Juli-Heft 1924

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