Alban Berg: Kammerkonzert

Alban Berg Kammerkonzert
Kammerkonzert

Alban Berg: Kammerkonzert

Komponist:
Alban Berg
Anmerkungen:
Die Gesamtausgabe UE18150 wird nur komplett abgegeben. Die Bände sind nicht einzeln beziehbar!
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Werkeinführung

Alban Berg hat sein Kammerkonzert Arnold Schönberg zum 50. Geburtstag gewidmet. Dieses Werk zeigt, in welchem Maß sich Berg seit den Drei Orchesterstücken op. 6 weiterentwickelt hat: Formale Problemstellungen erhalten noch mehr Gewicht als früher, der heftige Expressionismus macht einer geschmeidigeren und mannigfaltigeren Ästhetik Platz, aber es bleibt ihr doch der zutiefst wienerische Charakter, und wir werden dem „langsamen Walzer-Tempo” nicht entgehen! Alban Berg selbst gab in einem Widmungsbrief an Schönberg eine Beschreibung des Werkes. Diesem Brief lässt sich entnehmen, wie stark Berg von der Zahlensymbolik durchdrungen war. In der Tat nämlich hat Berg die Komposition auf die Zahl 3 und ihre Vielfachen gegründet. Das Werk kombiniert die Namen von ArnolD SCHönBErG, Anton WEBErn und AlBAn BErG, aus denen die Buchstaben herausgefi ltert sind, die zu musikalischer Umschrift taugen. Die solcherart entstandenen Motive, drei an der Zahl, werden in einer Art Widmung vorgetragen, sie steht unter dem Motto: „Aller guten Dinge …” („sind drei!”, was Berg im Klang ergänzt hat, statt im Wort).

Des weiteren hat die Komposition drei Sätze:
1. Thema scherzoso con Variazioni
2. Adagio
3. Rondo ritmico con Introduzione

Überdies sind drei Instrumentalfamilien im Spiel:
1. Tasteninstrumente: Klavier
2. Streichinstrumente: Violine
3. Blasinstrumente: der gesamte übrige Instrumentalkörper

Der erste Satz ist für Klavier und Bläserensemble geschrieben, der zweite für Violine und Bläserensemble, der dritte für Klavier, Violine und Bläserensemble. Diesem dritten Satz geht eine Kadenz der beiden Soloinstrumente voraus. Die Sätze sind miteinander verbunden, das Werk bildet also ein kontinuierliches Ganzes. Berg nähert sich Schritt für Schritt der Reihentechnik in dem Sinn, dass er als allgemeine Basis der Entwicklung weithin die vier kontrapunktischen Formen einer Tonfi gur verwendet: die Grundgestalt, den Krebs, die Umkehrung und die Krebsumkehrung. Das gilt für die Variationen des ersten Satzes ebenso wie für die melodische Linie der Violine im zweiten. Die ternäre Form spiegelt sich auf noch detailliertere Weise in der Musik selbst: Das Thema des ersten Satzes besteht aus drei Abschnitten, von denen jeder eine andere Tempobezeichnung trägt. Dieser erste Satz zeigt außerdem, dass Berg Variation und Sonate miteinander kombiniert hat. Das Thema – von den Bläsern vorgetragen – und die erste Variation für Klavier solo bilden die Exposition; die zweite, dritte und vierte Variation stellen die Durchführung dar, der mit der fünften Variation die Reprise folgt. Der zweite Satz ist mit dem ersten durch einen Kunstgriff verknüpft, den Berg liebte, und der sich nur mit der Überblendung im Film vergleichen lässt: unter einem Fortissimo der Holzbläser und des Klaviers haben Violine und Blechbläser unhörbar zu spielen begonnen; durch das abrupte Ende des ersten Satzes treten sie plötzlich offen hervor. Wie der erste Satz trägt auch der zweite den Stempel der geradezu besessenen Vorliebe Bergs für Symmetrie. Die Mitte, von der aus der Satz im Krebsgang zurückläuft, wird dramatisch unterstrichen durch das unvermutete „Eingreifen” des Klaviers, das zwölfmal ein Kontra-Cis spielt: eine Art esoterischer „Mitternacht”. Erwähnen wir außerdem, dass die Violine im ersten Satz praktisch unhörbar auftritt, so, als ob die leeren Saiten ausprobiert würden; es ist bekannt, dass Berg für diese Art spektakulärer Gesten eine ausgesprochene Vorliebe besaß. Der dritte Satz bildet eine wörtliche Kombination der beiden ersten und ist der bei weitem komplexeste Teil des Werkes. Berg hat ihn mit einer Wiederholung versehen, deren „zahlenmäßige” Notwendigkeit sich erfassen lässt; ihre strukturelle Notwendigkeit allerdings vermag ich nicht einzusehen. Diese Wiederholung läuft dem Prinzip der beständigen Variation zuwider, das sonst im ganzen Werk systematisch hervorgehoben wird. Übrigens vollzieht sich die Kombination der beiden ersten Sätze keineswegs mechanisch; die Figuren sind transformiert, speziell in rhythmischer Hinsicht, aber man fi ndet rein textlich alle Elemente wieder, denen man zuvor schon begegnete; teils in genauer Addition, teils im Nacheinander. Das Ende des Satzes und damit des Werkes stellt wiederum eine höchst überraschende dramatische Geste dar: Der Text wird Takt für Takt durch Fermaten unterbrochen, die immer länger werden bis zum Verlöschen des Nachklangs im Klavier. Das Kammerkonzert ist wohl das strengste Werk, das Berg je geschrieben hat.

Pierre Boulez

Aus dem Französischen von Josef Häusler

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