Alexander Zemlinsky: Der Kreidekreis

Alexander Zemlinsky Der Kreidekreis
Der Kreidekreis

Alexander Zemlinsky: Der Kreidekreis

Kompositionsjahr:
1932
Untertitel:
Oper in 3 Akten
Komponist:
Alexander Zemlinsky
Librettist:
Klabund
Rollen:
Tschang-Haitang, Sopran / Frau Tschang, Alt / Tschang-Ling, Bariton / Tong, Tenor / Pao, Tenor / Ma, Bariton / Yü-Pei, Sopran / Tschao, Bariton / Tschu-Tschu, Sprechrolle / einige kleinere Partien
Instrumentierung:
3 3 3 2 - 4 3 3 1 - Pk, Schl, Hf, Banjo, Sax - Str; Bühne: Fl, Tamb, Hf
Instrumentierungsdetails:
3 3 3 2 - 4 3 3 1 - Pk, Schl, Hf, Banjo, Sax - Str
Bühnenmusik: Fl, Tamb, Hf
Scenery:
7
Dauer:
100’
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Hörbeispiele

Der Kreidekreis
00:00

Die gesamte Ansichtspartitur (PDF-Vorschau)

Werkeinführung

Der Kreidekreis, ein chinesisches ‘Kriminaldrama’ aus dem 14. Jh., erzählt vom Schicksal eines armen Mädchens, das der Willkür der Macht ausgesetzt ist. Dramaturgischer Höhepunkt ist ein Mutterschaftsprozess gegen eine Rivalin. Die wahre Mutter stellt das Wohl des Kindes über das eigene Glück. So einfach die Geschichte, so komplex und abwechslungsreich ist die Struktur der Oper. Typisch für Alexander Zemlinsky enthält sie eine faszinierende Mischung aus Dramatik und Lyrik. Er verschachtelt Wagnerisches mit trivialer Musik und Cabaret-Szenen à la Weill, mischt Mahler und Strauss mit fernöstlichen Klängen. Auf der Bühne wird gesungen, gesprochen, gespielt.

Kommende Aufführungen

20 Jan

Der Kreidekreis

Opéra de Lyon, Lyon (FR)

22 Jan

Der Kreidekreis

Opéra de Lyon, Lyon (FR)

24 Jan

Der Kreidekreis

Opéra de Lyon, Lyon (FR)

26 Jan

Der Kreidekreis

Opéra de Lyon, Lyon (FR)

30 Jan

Der Kreidekreis

Opéra de Lyon, Lyon (FR)

Uraufführung

Ort:
Zürich
Datum:
14.10.1933

Pressestimmen

Uraufführung am Züricher Opernhaus

Jeder Musiker und Musikfreund, der den Weg des großen Künstlers Zemlinsky verfolgt, muß aufrichtige Genugtuung darüber empfinden, daß sein letztes Bühnenwerk einen so überaus starken äußeren Erfolg errungen hat, sodaß kein Zweifel mehr über dessen Auswirkungsmöglichkeiten besteht.

Dieser Erfolg liegt vor allem im Werke selbst begründet. Zemlinsky hat mit klugem Griff das chinesische Drama vom Kreidekreis in der deutschen Fassung von Klabund als Opernbuch gewählt. Er hat die Dichtung unberührt gelassen und nur an unwesentlichen Stellen gekürzt. Nicht auf die Schilderung einer Chinoiserie kam es ihm an, obwohl Zemlinsky seit jeher für Farbe und Buntheit von Märchenstimmungen viel übrig hatte, sondern auf die wahren Werte des Dramas. Der äußere und innere Weg der zarten Frauengestalt Hai Tang, die als Teehausmädchen verkauft, von dem Mörder ihres Vaters geheiratet wird, sich ihm in Liebe unterordnet, dann durch böses Ränkespiel als vermeintliche Gattenmörderin zum Tode verurteilt wird und endlich zum Kaiserthron emporsteigt, enthält so viele Stationen verschiedenartigen musikalischen Ausdrucks, daß ein schöpferischer Künstler reiche Anregungen gewinnen kann. Überdies fand Zemlinsky neben der vorwiegend lyrischen Hauptgestalt eine Reihe anderer scharf charakterisierter Personen, die ihm als Dramatiker genehm waren. Sogar Groteske und Humor sind in der Gerichtsszene vertreten, wo bestochene Zeugen und ein korrupter Oberrichter auftreten.

Die formale Anlage des Werkes ist sehr eigenartig. Man findet Leitmotive, die teils selbständig, teils zu geschlossenen Formen zusammengefaßt, verarbeitet werden. Die in dem Drama enthaltenen Gedichte kommen für solche arienartigen Teile zunächst in Betracht. Die Kantilene ist hier überaus warm und charakteristisch. Einen Höhepunkt bildet etwa der Schmerzensgesang Hai Tangs im Schneesturm. Die Szenen, die die Handlung rasch vorwärtstreiben, sind in Prosa belassen. Zwischen dieser und den großen musikalischen Teilen stehen viele Melodramen, die, genau den Stimmungen der einzelnen Szenen 'entsprechend, diese reizvoll untermalen. Die Akte sind als ganzes dramatisch gesteigert, da in stetigen Linien sich Prosa zum Melodram und dieses zum Lied entwickelt.

In der Harmonik ist als besonderes Merkmal ein Zug festzuhalten, der den Denker Zemlinsky erkennen läßt. Die meisten Stücke der Oper stehen in d-moll, das sich zum Schluß des Werkes nach D-Dur verklärt und einer zweiten Tonart es-moll. Abgesehen von der hiedurch erzielten Einheitlichkeit erscheinen diese beiden Tonarten durch die akkordische Harmonisierung des Kreidekreismotives bedingt. Dieses musikalische Thema besteht aus zwei Teilen, die im Verhältnis der Umkehrung zueinander stehen; es wird gewandelt und dramatisch weiter entwickelt und schließt auch die Oper ab. Seine Veränderungen entsprechen denen des Symbols des Kreidekreises, der im Stück bald den Himmel, bald den Ring, der die Gatten aneinanderschmiedet, dann das Rad des Lebens, die Scheide zwischen Dasein und Tod, endlich die siegende Gerechtigkeit bedeutet. Neben der kadenziellen Dreiklangsharmonik sind von Zemlinsky aufs glücklichste Quartenakkorde verwendet, andererseits rein linear geführte kontrapunktierte Melodien die etwa mit zackig auf und absteigenden Sprüngen Leidenschaftlichkeit oder im Vorspiel zur Gerichtsszene skurrilen Humor ausdrücken.

Alle handelnden Personen stehen musikalisch lebendig geschildert vor uns. Der spielerisch elegante, gefühlsreiche Prinz, der sich dann als Kaiser ins Abgeklärt-Heroische wandelt, der brutale Mandarin Ma, der durch die Liebe Hai Tangs zum inneren Seelenfrieden findet, die böse, streitsüchtige, intrigante Hauptfrau Ma’s Yü Pei, der aufbegehrende, revolutionäre Bruder der Heldin und nicht zuletzt diese selbst, Blüte, der weiblichen Demut und Zartheit. Überall wird deutlich, daß der Komponist erfindungsreich, warm, charaktervoll musiziert. Seine Kunst ist durchaus eigengewachsen und persönlich, obwohl selbstverständlich stilistische Verwandtschaften erkennbar sind. Die Feinheit des Kolorits, die straffe Formgebung, der ganz entzückende musikalische Konversationston, der Klangreichtum des Orchesters wirken unmittelbar auf jeden Hörer und verstärken den Eindruck des bunten, an Handlung wie an Menschlichkeit und philosophischer Tiefe gleich reinen Geschehens des Dramas.

So gehört der Kreidekreis zu den fesselndsten und unmittelbarsten Bühnenwerken des letzten Jahrzehnts.

Das Züricher Stadttheater hat dem Werk eine würdige Welturaufführung bereitet. Die musikalische Leitung war Dr. Robert Kolisko anvertraut, einem jungen Wiener Dirigenten, der in unermüdlicher Probenarbeit das Orchester zu schönster Klanggebung erzog und auch die Bühne übersichtlich betreute. Er musizierte mit voller Hingabe an das Werk, frei und doch im Sinne des Komponisten. Für die Bühne hatte der Direktor des Theaters Karl Schmid-Bloss gesorgt, der die Handlung in große von Roman Clemens entworfene Landschaftsbilder stellte und eine stimmungsvolle, lebendige Bewegungsregie führte. Von den Solisten war Madien Madsen als duldende und später triumphierende Hai Tang überragend. Sie erschütterte durch ihr natürliches, zartes Spiel und erfreute durch ihre schöne Stimme. Auch die anderen Hauptrollen waren sehr gut besetzt; Artur Cavara als Prinz, Fred Destal als Mandarin, Georg Oeggl als Bruder Hai Tangs und Maria Bernhard-Ulbrich als ihre Nebenbuhlerin sind in erster Linie mit Anerkennung zu nennen. Der Beifall, der vom ersten Moment an sehr herzlich war, steigerte sich zu einer für Zürich ganz ungewohnten Stärke. Mit allen Ausführenden wurde auch der anwesende Komponist immer wieder gerufen und stürmisch gefeiert.

Dr. Paul A. Pisk, Musikblätter des Anbruch, XV. Jahrgang, Heft 9/10, Nov./Dez. 1933

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