Alexander Zemlinsky: Der Zwerg (Arranger: Jan-Benjamin Homolka)

Alexander Zemlinsky Der Zwerg
Der Zwerg

Alexander Zemlinsky: Der Zwerg (Arranger: Jan-Benjamin Homolka)

Opus:
op. 17
Kompositionsjahr:
1920-1921
Untertitel:
Ein tragisches Märchen für Musik in einem Akt
Version:
Kammerfassung
Komponist:
Alexander Zemlinsky
Bearbeiter:
Jan-Benjamin Homolka (2014)
Librettist:
Georg Klaren
Dichter d. Textvorlage:
Oscar Wilde
Rollen:
Donna Clara (Sopran), Ghita (Sopran), Don Estoban (hoher Bass), Der Zwerg (Tenor), 3 Zofen (2 Soprane, 1 Mezzospran), 2 Mädchen (2 Soprane), Die Gespielinnen der Infantin (Frauenchor) Lakaien, Musiker, Volk, Hofdame, Sklaven (stumme Rollen)
Chor:
Frauenchor (SA)
Instrumentierung:
1 1 1 1 - 2 1 1 0 - Schl(2), Hf, Harm, Klav, Str (1 1 1 1 1 od. mehrfach besetzt) - Bühnenmusik: 3 Trp, Tamb, Klav
Instrumentierungsdetails:
Flöte (+Picc)
Oboe (+Eh)
Klarinette in B (+Kl(A))
Fagott
1. Horn in F
2. Horn in F
Trompete in C
Posaune
Schlagzeug(2)
Harfe
Klavier (+Cel)
Harmonium (+Cel)
Violine I
Violine II
Viola
Violoncello
Kontrabass
Bühnenmusik: 3 Trompeten in C hinter der Szene (evtl. als Zuspielung
optional vom Ensemble ausführbar)
Tamburin und Klavier hinter der Szene (Ensemblespieler)
Scenery:
1
Dauer:
90’
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Die gesamte Ansichtspartitur (PDF-Vorschau)

Werkeinführung

Alexander von Zemlinsky komponierte seine einaktige Oper Der Zwerg in den Jahren von 1919 bis 1921. In dieser Zeit initiierte und leitete sein Schwager Arnold Schönberg in Wien den Verein für musikalische Privataufführungen mit dem Ziel, „Künstlern und Kunstfreunden eine wirkliche und genaue Kenntnis moderner Musik zu verschaffen“. Hierzu wurde einmal wöchentlich für die Mitglieder ein Konzert mit aktuellem Programm veranstaltet. Um trotz geringer finanzieller Mittel dabei nicht auf groß besetzte Werke verzichten zu müssen, entwickelte Schönberg eine musikalische Reduktionspraxis, mit deren Hilfe Orchesterwerke zu Kammerfassungen arrangiert werden konnten. Ihre Besetzung bestand lediglich aus einem einfach besetzten Streichquintett, einzelnen Bläsern sowie Klavier und Harmonium. Unter den von Schönberg und einigen seiner Schüler reduzierten Stücken waren neben Werken von Mahler, Bruckner, Reger und Schönberg auch zwei Kompositionen Zemlinskys: die Maeterlinck-Lieder op. 13 und Psalm 23 op. 14.

Die Bedeutung der Reduktionen des Vereins in Bezug auf die Erstellung einer modernen Kammerfassung eines Werkes von Zemlinsky, wie sie die vorliegende Partitur darstellt, erschöpft sich nicht in der Rolle eines historischen Präzedenzfalls. Die Korrespondenz Zemlinskys mit Schönberg offenbart, dass sie die neuartige Reduktionspraxis kontrovers diskutierten. Heute Elemente der von ihnen geprägten Vorgehensweise bei der Erstellung einer Kammerfassung anzuwenden, bedeutet einen unmittelbaren Anschluss an die von Zemlinsky direkt erlebte musikalische Praxis. Zudem bietet die über die Reduktionsmethode mittransportierte Klangästhetik auch die Chance, der Kammerfassung einen gewissen zeittypischen Klang zu verleihen, wie im vorliegenden Fall vor allem durch die Verwendung der Tasteninstrumente Klavier und Harmonium.

Die vorliegende Partitur stellt keine Stilkopie nach Vorlage der Kammerfassungen des Vereins für musikalische Privataufführungen dar, sondern vereint Elemente der historischen Kammerfassungen des Vereins mit möglichen Intentionen Zemlinskys sowie mit modernen ästhetischen Einflüssen.

Ein entscheidender Faktor stellt hierbei die Gattung Oper mit ihren spezifischen musikalischen Anforderungen dar, die in den Kammerfassungen des Vereins ohne Vorbild ist. Der nicht reduzierten Sängerzahl auf der Bühne musste ein adäquates Klangfundament im Graben gegenübergestellt werden. Zweitens galt es, allzu große ästhetische Brüche zwischen der Klanglichkeit der Kammerfassung und Zemlinskys originaler Instrumentation zu vermeiden. Die von Schönberg entwickelten Reduktionsprinzipien zeigen sich klar der Ästhetik der Zweiten Wiener Schule verpflichtet, insbesondere bezüglich bei der solistischen Instrumentation, der Betonung von Linie und Struktur gegenüber dem Klang sowie dem Spaltklang. Eine ungefilterte Anwendung auf Zemlinskys Oper hätte einen stilistischen Anachronismus bedeutet. Um Zemlinskys farbenreichen spätromantischen Orchesterklang zu erhalten, bleiben in der Besetzung der Kammerfassung des Zwergs fast alle im Original verlangten Instrumente besetzt. Die im Verhältnis zu einer Kammerfassung des Vereins große Besetzung von 18 Spielern und die Verwendung eines vollen Blechsatzes ermöglichen einen gegenüber der Bühne adäquaten Tuttiklang. Während in den Kammerfassungen des Vereins Passagen nicht vorhandener Instrumente fast durchwegs auf die Tasteninstrumente übertragen werden, erhält im Zwerg die Übernahme solcher Passagen durch klanglich ähnliche Ensembleinstrumente Vorrang, wodurch eine orchestrale Klangwirkung erzeugt wird. Während die Verwendung von Klavier und Harmonium für einen klanglichen Bezug zu den historischen Kammerfassungen des Vereins sorgt, werden zugleich auch bewusst Mittel der Instrumentation eingesetzt, die Zemlinsky noch nicht zur Verfügung standen. Stellvertretend hierfür sei der Einsatz verschiedener Dämpfer bei der Posaune genannt, die das Instrument so als zusätzliche Bassstimme im Holzbläserregister verfügbar macht. Allzu große klangliche Brüche galt es zu vermeiden, daher beispielsweise die Entscheidung für den Einsatz des Harmoniums statt eines Akkordeons oder gar Synthesizers, um auch die historischen Vorbilder klanglich erfahrbar zu machen.


Der 19-jährige Georg C. Klaren schickte Zemlinsky 1919 das Libretto zum Zwerg, frei nach Oscar Wildes Der Geburtstag der Infantin. Dies gefiel Zemlinsky dermaßen, dass er die Arbeit an einem anderen Libretto von Klaren abbrach und sich in wildem Schaffensdrang an den Zwerg machte. Freunde und Bekannte teilten seine Begeisterung für diese „Tragödie des hässlichen Mannes“ nur bedingt, denn Klaren hatte – vielleicht unabsichtlich – den Protagonisten zum Doppelgänger des Komponisten gemacht. Indem Zemlinsky sich mit einer Bühnenfigur identifizierte, die ihm sowohl physisch als auch charakterlich ähnelte, lief er Gefahr – so die Befürchtung – sich in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen.

Von den zahlreichen Kapellmeistern und Theaterdirektoren, die im Frühjahr 1921 den Klavierauszug zur Ansicht erhielten, war Otto Klemperer, damals oberster musikalischer Leiter der Städtischen Bühnen in Köln, der erste, der sich dazu positiv äußerte. Wegen der gewaltigen stimmlichen wie szenischen Anforderungen der Titelrolle erwies es sich als sehr schwer, einen geeigneten, zwischen Charakter- und Heldenfach gelagerten Tenor zu finden. Mehrmals musste die Kölner Theaterleitung aus diesem Grund die Produktion aufschieben. Schließlich wurde die Uraufführung für den 28. Mai 1922 fixiert.

In jener Epoche des Wandels, wo das Publikum sich zunehmend für Zeitoper, Neoklassizismus und Neue Sachlichkeit begeisterte, fand eine vermeintlich exaltierte, spätromantische Musik wie die des Zwergs immer weniger Gefallen. So verschwand das Werk für ein halbes Jahrhundert aus dem Repertoire, bis es am 20. September 1981 an der Hamburgischen Staatsoper, gepaart mit der Florentinischen Tragödie, siegreich zurückkehrte. Zemlinskys Musik, die zwischen rauschhaftem Orchesterklang, irisierenden Orientalismen und rhythmischer Prägnanz changiert, lässt eine oberflächlich-überzeichnete Gesellschaft entstehen, aus der der naiv-ehrliche Zwerg herausfällt.

Kommende Aufführungen

18 Nov

Der Zwerg

Opéra de Lille, Lille (FR)

20 Nov

Der Zwerg

Opéra de Lille, Lille (FR)

25 Mär

Der Zwerg

Opéra de Rennes, Rennes (FR)

27 Mär

Der Zwerg

Opéra de Rennes, Rennes (FR)

29 Mär

Der Zwerg

Opéra de Rennes, Rennes (FR)

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