Georg Friedrich Haas

Georg Friedrich Haas Biographie

Georg Friedrich Haas wurde in Graz geboren, verbrachte aber seine Kindheit in Vorarlberg, in den Bergen – eine Landschaft und eine Atmosphäre, die ihn nachhaltig geprägt haben. Studiert hat er aber in seiner Geburtstadt, bei Ivan Eröd und Gösta Neuwirth und später in Wien, bei Friedrich Cerha. Die gegenseitige Wertschätzung mit Cerha ist bis heute geblieben, der beide Komponisten immer wieder Ausdruck verleihen. Zuletzt war es Cerha, der Doyen der österreichischen Komponisten, der seinen ehemaligen Schüler für den Großen Österreichischen Staatspreis vorgeschlagen hat, der Haas 2007 auch verliehen wurde.

Bis dahin war es aber ein langer und schwieriger Weg. Georg Friedrich Haas spricht offen über die Jahre seiner „totalen Erfolgslosigkeit“ – eine andere, prägende Erfahrung, die seine eher pessimistische Grundhaltung verstärkte. Die allmählich einsetzende Anerkennung hat dies nur mildern aber nicht völlig neutralisieren können.

Es ist nicht von ungefähr, dass die Nacht, die Dunkelheit, der Verlust der Illusionen eine so große Rolle in seinem Oeuvre gespielt haben (etwa in seiner Hölderlin-Oper Nacht, 1995/1998) – es ist erst in allerletzter Zeit, dass das Licht seine Musik erhellt. Wobei dem Licht als integraler Teil einer Reihe seiner Kompositionen, eine beträchtliche Bedeutung zukommt und es wird dementsprechend von KüntlerInnen eigens für seine Musik entworfen. (in vain, 2000, und insbesondere Hyperion, ein Concerto für Licht und Orchester, 2006). Das Licht jedoch, das im Gegensatz zur Dunkelheit, nur Nacht, seine Musik beleuchtet, ist wohl erst mit Sayaka (2006) für Schlagzeug und Akkordeon auf seinem Horizont erschienen.

Georg Friedrich Haas ist international bekannt und anerkannt, als ein hoch sensibler, fantasiereicher Erforscher der Innenwelt der Klänge. Mit ganz wenigen Ausnahmen (wie sein Violinkonzert, 1998) schreibt er mikrotonale Stücke, deren magische Klangwelt den Hörer in Rausch versetzt.

Haas hat sich ernsthaft mit der Mikrotonalität auseinander gesetzt (angeregt von Ivan Wyschnegradsky und Alois Hába) und in mehreren europäischen Ländern Vorlesungen darüber gehalten. Für die Salzburger Festspiele 1999 hat er unter dem Titel Jenseits der zwölf Halbtöne einen (wie es im Untertitel heißt) „Versuch einer Synopse mikrotonaler Kompositionstechniken“ unternommen. Der abschließende Absatz sei hier zitiert:

„’Mikro-’ ist eine ‚Tonalität’ nur im Gegensatz zu einer als Bezugssystem akzeptierten ‚Normaltonalität’. Wo dieses Bezugssystem obsolet geworden ist, tritt an die Stelle des Begriffes ‚Mikrotonalität’ die freie Entscheidung der individuellen komponierenden Persönlichkeit, über das Material ‚Tonhöhe’ zu verfügen.“

Während Haas in jedem Werk Neuland betritt, ist seine Musik zutiefst in der Tradition
verwurzelt. Seiner tiefen Verbundenheit mit Schubert verdanken wir Torso vom 1999/2001, eine Orchestrierung der unvollendet gebliebenen Klaviersonate in C-Dur, D 840, ein Spiegelbild der tragischen Figur Schuberts. Mozart hat er nicht nur in der frühen Streichorchesterwerk …sodaß ich’s hernach mit einem Blick gleichsam wie ein schönes Bild…im Geist übersehe 1990/1991 geehrt, sondern auch in den ergreifenden 7 Klangräumen 2005, die zwischen den einzelnen Sätzen von Mozarts Requiem-Torso (also ohne den Ergänzungen durch seine Schüler) einzufügen sind. Im Blumenstück 2000 für Chor, Basstuba und Streichquintett hört man – vielleicht vom Komponisten unbeabsichtigt – Anklänge an Beethoven. Im Concerto für Violoncello und Orchester 2003/2004 führt das Soloinstrument ein Zitat aus Franz Schrekers Oper Der ferne Klang an ("O Vater, dein trauriges Erbe"). Dem Auftrag des Leipziger Gewandhausorchesters folgend hat er in seinem Orchesterwerk Traum in des Sommers Nacht 2009 Mendelssohns gedacht, mit Motiven aus dessen Werken, die in Haas’ Musik meisterhaft gewoben sind.

Das Cellokonzert, wie auch Wer, wenn ich schriee, hörte mich… 1999 für Schlagzeug und Ensemble sind Beispiele auch für Haas’ politische Haltung und die Ohnmacht, deren er sich als Komponist schmerzlich bewusst ist: er weiß, mit seiner Musik ist die Welt nicht zu verändern. Das Schlagzeugkonzert entstand zur Zeit des Balkankrieges; als Haas die Flugzeuge, bombengeladen, über sich fliegen sah und hörte, fragte er sich, wer denn ihn hören würde, sollte er mit seinem Schrei gegen den Krieg protestieren. Das Cellokonzert, das mit einem schwer zu ertragenden, schmerzvollem Schrei beginnt und auf der Trommel die Marsch-Schritte der preußischen Armee heraufbeschwört, ist eine Anklage gegen den Faschismus.

Ein fantasiereicher, in seiner Musik das Neue wagender Komponist, ein verantwortungsvoller, politischer Mensch, Georg Friedrich Haas ist heute einer der wichtigsten Künstler in Europa.


1953 – Geboren am 16. August in Graz

1972-79 – Studien an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz: Komposition (u. a. bei Ivan Eröd und Gösta Neuwirth), Klavier (Doris Wolf) und Musikpädagogik

seit 1978 – Unterrichtstätigkeit an der Grazer Musikhochschule (zuletzt Kontrapunkt, zeitgenössische Kompositionstechniken, Werkanalyse, Einführung in die mikrotonale Musik)

1981-83 – postgraduelles Studium bei Friedrich Cerha an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien

1980/88/90 – Besuch der Darmstädter Ferienkurse

1991 – Teilnahme am „Stage d’Informatique Musicale pour compositeurs” am IRCAM Paris

1992/93 – Stipendiat der Salzburger Festspiele

1992 – Sandoz Preis

1995 – Förderungspreis für Musik des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur

07.08.1998 – szenische Uraufführung der Kammeoper Nacht bei den Bregenzer Festspielen

18.11.1998 – Ernst Krenek-Preis der Stadt Wien für die Kammeroper Nacht

1999 – ‘Next Generation‘ – Komponist bei den Salzburger Festspielen

1999/2000 – Stipendiat des DAAD in Berlin

2000 Violinkonzert „Ausgewähltes Werk“ beim International Rostrum of Composers

14.08.2003 – Uraufführung von Die schöne Wunde, Auftragswerk der Bregenzer Festspiele

19.10.2003 – Uraufführung von Natures mortes für großes Orchester, Auftragswerk der Donaueschinger Musiktage

März 2004 – Festivalkomponist von „ars musica“ in Brüssel

16.06.2004 – Preis der Stadt Wien für Musik

09.07.2004 – Uraufführung des Konzerts für Violoncello und großes Orchester, Auftrag der Musica Viva München

August 2004 – Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen

2005 – Preis der deutschen Schallplattenkritik für die CD-Aufnahme des 1. und 2. Streichquartetts mit dem Kairos-Quartett

25.04.2005 – Verleihung des Andrzej-Dobrowolski-Kompositionspreises 2004 der Steirischen Landesregierung in Graz

03.07.2005 – Uraufführung von Ritual für 12 große Trommeln und 3 Blaskapellen, Auftrag der Klangspuren Schwaz, in Zusammenarbeit mit der Tiroler Landesausstellung und dem Alpinarium Galtür

2005 – 2013 – Leitung einer Kompositionsklasse an der Hochschule für Musik der Musik-Akademie der Stadt Basel

Herbst 2005 – Schwerpunkt Georg Friedrich Haas bei den Klangspuren Schwaz

04.12.2005 – Uraufführung der 7 Klangräume für Chor und Orchester, Auftrag der Stiftung Mozarteum, Salzburg/A

März 2006 – Festivalkomponist des Borealis-Festivals in Bergen (Norwegen)

23.03.2006 – Uraufführung von Poème für großes Orchester, Auftrag des Cleveland Orchestra / Franz Welser-Möst

22.10.2006 – Uraufführung von Hyperion für Licht und Orchester, Donaueschinger Musiktage

13.05.2007 – Uraufführung von Bruchstück für großes Orchester, Auftrag der Münchner Philharmoniker

07.11.2007 – Uraufführung von Konzert für Klavier und Orchester, Wien Modern in Wien

28.11.2007 – Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises der Republik Österreich

2008 – Ernennung zum Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Basel

03.05.2008 – Uraufführung von Konzert für Baritonsaxophon und Orchester

09.06.2008 – Uraufführung von Melancholia (Oper), Opéra National de Paris

28.08.2009 – Urauffühung von Traum in des Sommers Nacht, Leipzig

15.01.2010 – Uraufführung von ATTHIS, Berlin

04.02.2010 – Uraufführung von La profondeur in Amsterdam

17.10.2010 – Uraufführung von limited approximations für 6 Klaviere im Zwölfteltonabstand und Orchester bei den Donaueschinger Musiktagen

Kompositionspreis des SWR-SO Baden-Baden und Freiburg für limited approximations in Donaueschingen

22.10.2010 – Uraufführung von Arthur F. Becker (od. Buhr?)

26.11.2010 – Uraufführung von „... damit ... die Geister der Menschen erhellt und ihr Verstand erleuchtet werden ...“ für Ensemble. Basel

04.02.2011 – Uraufführung des 6. Streichquartetts

März 2011 Mitglied des österreichischen Kunstsenats

04.06.2011 – Uraufführung von chants oubliés für Kammerorchester

10.09.2011 – Uraufführung des 7. Streichquartetts

18.12.2011 – Uraufführung von Mlake / Laaken

Sommer 2011 – Composer-in-residence des Lucerne Festivals

2012 – Ernennung zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin

17.03.2012 – Uraufführung von Duchcov in München

15.06.2012 – Uraufführung von „Ich suchte, aber ich fand ihn nicht“ beim musica viva in München

25.08.2012 – Uraufführung von „…e finisci già“ bei den Salzburger Festspielen

13.09.2012 – Uraufführung von Tetraedrite beim Eröffnungskonzert der Klangspuren in Schwaz

03.03.2013 – Musikpreis Salzburg 2013

20.02.2014 – Uraufführung von dark dreams in Berlin. Simon Rattle dirigierte die Berliner Philharmoniker

28.03.2014 – Uraufführung des concerto grosso Nr. 1 in München

10.05.2014 – Uraufführung des concerto grosso Nr. 2 beim Tectonics Festival in Glasgow

2015 – Ernennung zum Mitglied der bayerischen Akademie der schönen Künste

26.04.2015 – Uraufführung des Saxophonquartetts in Basel

21.10.2015 Uraufführung 8. Streichquartett in Basel

13.11.2015 – Uraufführung der Oper Morgen und Abend (Libretto: Jon Fosse) am Royal Opera House

Publikationen: Wissenschaftliche Aufsätze über die Arbeiten von Luigi Nono, Ivan Wyschnegradsky, Alois Hába und Pierre Boulez

Seit 16. August ist 2013 Haas MacDowell Professor of Music an der Columbia University New York. 

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Über die Musik

Harmonik der Vergeblichkeit

Zur jüngsten Musik von Georg Friedrich Haas

Wenn etwas als Essenz seiner Musik bezeichnet werden kann, dann sind es Experimente mit dem Klang: Georg Friedrich Haas, in aller Stille zu einem der international bedeutendsten österreichischen Komponisten der Gegenwart avanciert, empfand die klanglichen und harmonischen Möglichkeiten, welche die etablierte wohltemperierte Skala bereitstellt, bald als fesselnde Beschränkungen. Mikrotonal irritierend abgedunkelte Klänge, wie in seinem Ensemblestück Nacht-Schatten (1991) oder in seiner Hölderlin-Kammeroper Nacht (1995/96), bestimmten folgerecht seit Beginn das Komponieren von Haas. Durch intensive Experimente mit schwebenden Obertonkonstellationen erfuhr das klangliche Moment seit dem Ersten Streichquartett (1997) noch eine Radikalisierung: Mit filigranen Klangstrukturen leuchtet die Musik des 1953 in Graz geborenen Komponisten in die dunklen Zonen einer Gesellschaft, die das Andere, Fremde zunehmend ausgrenzt.

Das behutsam Integrative, das aufmerksame Aufeinander-Hören zählen zu den notwendigen Voraussetzungen, um Werke wie das Erste Streichquartett interpretieren zu können: Auf einer eigenwilligen Stimmung der vier Streichinstrumente basierend, die auf vier voneinander unabhängigen Vierklängen beruht, entschwebt das Stück in ausschließlich auf leeren Saiten gestrichenen, natürlichen Flageoletts, mit denen sich durch das mikrotonale Stimmsystem dennoch eine Fülle von unterschiedlichen Tonhöhen erzielen lassen. Ein Werk der gleitenden Übergänge, der minutiös sich entwickelnden und jäh wieder zum Stillstand kommenden Prozesse, die freilich nur durch die genaueste Abstimmung der Interpreten in Gang gesetzt werden können.

Diese Dialektik von individuellen Stimmen und kollektivem Klangresultat hatte Haas zuvor schon in zwei anderen Werken ins Blickfeld gerückt: In dem 1994 entstandenen Stück mit dem unaussprechlichen Titel "...." verschmelzen die individuellen Stimmen eines Akkordeonisten und eines Bratschisten erst allmählich mit dem Ensembleklang, um diesen zu beeinflussen und sich im Gegenzug davon auch inspirieren zu lassen. Radikalisiert wird dieser Prozess in ...Einklang freier Wesen... (1994/96), das direkt Bezug nimmt auf die im Titel angesprochene Hölderlin’sche Utopie und kunstvoll auch unabhängig voneinander spielbare Stimmen von zwei bis zehn Solisten miteinander vernetzt.

Fortgesetzt hatte Haas seine Obertonexperimente in dem Sextett Nach-Ruf...ent-gleitend (1999), dessen auf der Teiltonreihe beruhenden Intervalle im Gegensatz zum Ersten Streichquartett jedoch nicht durch umgestimmte Instrumente erzeugt, sondern ausschließlich der Kontrolle der sechs Interpreten überlassen werden. Diese reizvollen Schwebungen sind immer wieder von merkwürdig bekannt klingenden melodischen Einsprengseln durchwirkt. Allerdings sind diese Reminiszenzen in halb- und vierteltönig temperierten Skalen gesetzt, um dadurch den inhärenten Hauch von Romantik in eine entfremdete Sphäre ent-gleiten zu lassen. Ein Nach-ruf auf die Musikhistorie und zugleich ein Vor-Echo der Faszination entschieden zukünftiger Klänge.

Am radikalsten erschloss sich Haas die obertönige Klanglichkeit in dem formal gewagten Ensemblestück in vain (2000): Wie schon in seinem Violinkonzert (1998) kollidieren in diesem 75-Minuten-Werk aus Obertonreihen gebildete harmonische Strukturen mit Tritonus- oder Quart/Quint-Akkorden. Dadurch entstehen extreme mikrotonale Reibeflächen, die Haas immer wieder in kreisende Spiralformen münden lässt: Klangschleifen, die vorsichtig suchen, tasten und fühlen, aber nirgends zielgerichtet hinzuführen scheinen, wie die Endlostreppen auf den Graphiken von Maurits Cornelius Escher. Ein Hauch von Vergeblichkeit liegt in dieser Musik, die leise an die Unmöglichkeit gemahnt, den perfekten Zusammenklang, geschweige denn das harmonische Zusammenleben der Menschen je erreichen zu können. Kein Zweifel: Durch die Integration des Obertonspektrums hat die seit jeher auf Klangexperimente konzentrierte Musik von Haas ganz neue, noch eigenständigere Qualitäten gewonnen.

Reinhard Kager

Zukünftige Aufführungen

Pressestimmen

Freilich erfordert die Finsternis zugleich eine besondere Musizierweise und Dirigierhaltung: Reine Befehlsgeber und Befehlsempfänger scheitern mit dieser Partitur, weil das notwendige Auswendigspielen in Dunkelheit nicht zuletzt viel gegenseitiges Vertrauen voraussetzt. [...]

Mit dem Aufeinander-Achten und -Hören in partnerschaftlichem Sinn, das die Partitur einfordert, stellt Haas überdies kompositorisch eine Mitmenschlichkeit in den Raum, die in der Gesellschaft oft fehlt. Es ist eine klingende Lösung, die Haas entwirft – durchaus ein Licht der Hoffnung….

(Marco Frei, NZZ, 31. Mai 2016)

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