Georg Friedrich Haas: Duchcov

Georg Friedrich Haas Duchcov
Duchcov

Georg Friedrich Haas: Duchcov

Kompositionsjahr:
2011
Untertitel:
nach Texten von Giacomo Casanova, ins Deutsche übersetzt von Heinrich Conrad
Instrumentierung:
für Chor a cappella (44 Stimmen)
Komponist:
Georg Friedrich Haas
Übersetzer:
Heinrich Conrad
Dichter d. Textvorlage:
Giacomo Casanova
Chor:
13 S, 11 A, 10 T, 10 B
Commission:
Ein Kompositionsauftrag des Bayerischen Rundfunks / Chor des Bayerischen Rundfunks
Dauer:
15’
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Werkeinführung

Auszug aus dem Interview mit Kristin Amme (BR-Klassik) anlässlich der Uraufführung

KA: Eigentlich wollten Sie etwas zum Thema Ritual schreiben, nun haben Sie aber Texte von Giacomo Casanova vertont, die der ja ganz harmlos als Bibliothekar auf dem böhmischen Schloss Duchcov schrieb. Warum?

GFH: Der ursprüngliche Gedanke war tatsächlich, ein Ritualstück zu komponieren, in dem die Sängerinnen und Sänger sehr große Freiheiten haben sollten. Ich hörte und sah von Anfang an den Chor um das Publikum herum. Als mir dann klar wurde, welcher Aufführungsort für das Werk vorgesehen war, konnte ich dieses Konzept nicht mehr durchführen, weil im Prinzregententheater nicht genug Platz ist für den Chor um das Publikum herum. Mein ganzes Konzept geriet ins Wanken und es kam ein anderes Thema auf mich zu, mit dem ich mich auch schon seit einiger Zeit beschäftige. Nämlich der Versuch erotische Vorgänge oder, um es noch direkter auszudrücken, sexuelle Vorgänge in die Musik zu übertragen. Diese Vorgänge sind latent immer wieder vorhanden. Die Zusammenhänge zwischen Musik und Sexualität sind ja evident und auch an Stellen erkennbar, wo man sie nicht unmittelbar vermuten würde: zum Beispiel, dass Sonatenformen zu einem Höhepunkt hinführen und dann eine Entspannung stattfindet. […]

Ich habe mich an meine doch schon viele Jahre zurückliegende Begegnung mit der Autobiografie von Giacomo Casanova zurückerinnert. […] Es ist ein beklemmendes Zeitdokument, in dem man die Realität dieses Lebens und dieser Zeit deutlich nachvollziehen und auch verstehen kann. […]

KA: Worum geht es sonst noch in den Texten? Haben Sie vielleicht eine Anekdote parat?

GFH: Mein Chorstück beginnt mit Texten, die durchaus dem Klischee, das man mit Casanova verbindet, entsprechen, mit erotischen Texten. Hier vielleicht ein Beispiel: „Ihr Atem hatte etwas aromatisches, wodurch ihre Küsse unbeschreiblich süß wurden.“ Die Beschreibung geht dann weiter bis dahin, wie er mit den Fingern versucht, ihre Schamhaare zu kräuseln, aber die Natur des Haares sich gegen diese Versuche wehrt. […]

Für den Komponisten sind diese Texte natürlich eine Herausforderung. Auf der einen Seite könnte man sagen, ich setze diese Texte ganz stark in den Vordergrund und benutze sie als Vehikel, das die Emotionen der Zuhörer leiten soll und schmücke diesen Text jetzt mit meiner Musik, wie man Lametta auf einen Christbaum hängt. Aber genau das wollte ich nicht. Meine erste Entscheidung war, dass ich nicht möchte, dass der Text unmittelbar und deutlich erkennbar ist. Im Konzert wird es vielleicht ein paar Worte, ein paar Sätze gegeben haben, die man identifizieren konnte. In Rundfunkübertragungen ist es erfahrungsgemäß noch schwieriger, aus dem Klang heraus Worte zu verstehen. Das führte dazu, dass ich mich bemühen musste, das, was Casanova in Worten beschreibt, auf ganz andere Art und Weise in Musik auszudrücken und mich auf diese Art von der Oberfläche der Worte zu entfernen und zu versuchen, das, was in der Tiefe dahinter steht, mit musikalischen Mitteln zu formulieren. […]

Gab es denn etwas in den Texten, die Sie vertont haben, das Sie überrascht hat?

GFH: Selbstverständlich kann man seine Autobiografie lesen als eine Ansammlung von Fraueneroberungen, aber man muss auch die zweite Seite sehen. Es ist auch eine Ansammlung von Verlusten. Es geht in diesen Texten immer wieder um den Schmerz, dass die geliebte Person vorzeitig aus dem Leben des Ich-Erzählers verschwinden muss und zwar immer aus äußeren Gründen, meist aus sozialen Gründen. […]

Uraufführung

Ort:
München
Datum:
17.03.2012
Dirigent:
Rupert Huber

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