Georg Friedrich Haas: Melancholia

Georg Friedrich Haas Melancholia
Melancholia

Georg Friedrich Haas: Melancholia

Kompositionsjahr:
2006-2007
Untertitel:
Oper in 3 Teilen
Komponist:
Georg Friedrich Haas
Original-Sprache:
Deutsch
Übersetzer:
Hinrich Schmidt-Henkel
Librettist:
Jon Fosse
Rollen:
Helene, Sopran Lars, Bass-Bariton 5 kleinere Rollen (aus dem Kammerchor): Frau Winckelmann, Sopran Kellnerin, dramatischer Sopran Alfred, Countertenor Bodom, Tenor Herr Winckelmann, Bass
Chor:
6-stimmiger Kammerchor (S MezzoS A T Bar B)
Instrumentierung:
1 1 1 1 - 2 1 1 0 - Schl(2), Akk, Klav, Sax, Vl(4), Va(2), Vc(3), Kb(2)
Instrumentierungsdetails:
Flöte (+Picc
Afl(G))
Oboe (+Eh)
Klarinette in B
Bassklarinette in B
Sopransaxophon in B (+Asax(Es)
Tsax(B)
Barsax(Es))
Fagott (+Kfg)
1. Horn in F
2. Horn in F
Trompete in C
Posaune
1. Schlagzeug
2. Schlagzeug
Klavier
Akkordeon
1. Violine
2. Violine
3. Violine
4. Violine
1. Viola
2. Viola
1. Violoncello
2. Violoncello
3. Violoncello
1. Kontrabass
2. Kontrabass
Commission:
Auftragswerk der Opéra National de Paris unter dem Intendanten Gerard Mortier, uraufgeführt am 9.6.2008 im Palais Garnier, Paris, in Zusammenarbeit mit Den Nye Opera, Bergen
Dauer:
90’
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Hörbeispiele

Melancholia
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Werkeinführung

Melancholie als Opernthema? Ein schwermütiger Held, der sich ins Bett legt oder auf den Boden starrt, wenn er angegriffen wird? Die vierte Oper des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas nach einem Libretto des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse steht in komplettem Widerspruch zur allgegenwärtigen Werbelogik, der die Welt zu gehorchen scheint. Und doch geht es in Melancholia viel lebensnäher zu als in jener fröhlichen, bunten Werbewelt, in der Frauen immer lächeln, Männer immer Siegertypen sind und Dinge nie kaputtgehen.

Für die Hauptperson der Oper Melancholia geht alles kaputt an jenem Tag im Spätherbst 1853. Lars Hertervig ist ein norwegischer Student an der Kunstakademie Düsseldorf. Der 23 Jahre alte, talentierte Maler hat sich unsterblich in die 15-jährige Nichte seines deutschen Vermieters verliebt, Helene Winckelmann. Ihr Onkel wirft ihn augenblicklich aus dem Haus; Lars landet im Stammlokal seiner bierseligen Studienkollegen, die den stillen Außenseiter mit ihrem Spott buchstäblich in den Wahnsinn treiben; und als er schließlich voller Hoffnung noch einmal zu Helene zurückkehrt, lässt ihn Herr Winckelmann kurzerhand von der Polizei abführen. Von einem Tag auf den anderen verliert er die Wohnung, den Studienplatz, seine große Liebe, sein Selbstvertrauen als Künstler und, wenn man so will, seinen Verstand.

Jon Fosse hat seinen aufsehenerregenden Roman Melancholia (1995/1996) eigens für Georg Friedrich Haas in ein hintergründiges Opernlibretto umgearbeitet. Grundlage ist die Biographie des 1830 auf der norwegischen Insel Borgøy geborenen und 1852 nach Düsseldorf übersiedelten Malers Lars Hertervig. Ihre berührende Tiefe erhält die Geschichte nicht nur durch Fosses außergewöhnliche Sprache, sondern auch durch das, was an diesem einen erzählten Tag in Gang gesetzt wird: Hertervig kehrt nach Norwegen zurück, malt irreal-realistische Landschaftsbilder, verbringt einige Zeit in der Irrenanstalt Gaustad in Christiana. Völlig verarmt, benutzt er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens Zeitungspapier, Tabakverpackungen und Tapetenstücke als Leinwand. Er stirbt 1902 in Stavanger. Seine Bilder zählen aus heutiger Perspektive zu den visionärsten Meisterwerken der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts.

Die Oper Melancholia hat also neben Jon Fosses hochmusikalischer Sprachkunst – die FAZ verglich ihn mit Johann Sebastian Bach, Die Zeit mit Beethoven und der Minimal music – auch die minutiösen, phantastischen Bilder Lars Hertervigs als Hintergrund. Georg Friedrich Haas zieht den Vergleich von seinem Wahlverwandten zur Musik. Hertervig verhalte sich zu Caspar David Friedrich wie Schubert zu Beethoven: «Er zeigte die Natur, wie sie ist, und öffnete gleichzeitig ein Tor zur Spiritualität.» Für den 1953 in Graz geborenen Komponisten ist die Geschichte des Malers keineswegs so außergewöhnlich, wie sie zunächst den Anschein hat: «Ich kann mich mit mit Hertervig in vielen Details identifizieren», sagt Haas. Bis hin zu einer besonderen Beziehung zum ‹Northern Light›: «Hertervig ist auf der Nordseite einer norwegischen Insel aufgewachsen, ich auf einem nach Norden gerichteten Hang des Montafon. Er als Quäker in protestantischem Umfeld, ich als Protestant in einem katholischen Umfeld. Und auch die Situation, bei Studienkollegen auf komplettes Unverständis zu stoßen, ist mir durchaus vertraut.»

Für die Musik von Melancholia setzt Haas – vor allem in den rasanten Stimmungswechseln in Teil 1 und den Déjà-vus und Visionen Hertervigs in Teil 3 – teils prägnante narrative Mittel ein: der reine Obertonakkord, der leitmotivisch an das Erscheinen Winckelmanns gekoppelt ist; starre Sechzehntel-Repetitionen, die das fast anfallsartige Auftreten der Eifersucht begleiten; endlos sich in die Tiefe drehende Abwärtsläufe, die mit Hertervigs abschweifenden Visionen der Fjorde seiner Heimat und Kindheit einhergehen. Doch vor allem ist es das grundlegende Motiv der Inkongruenz zwischen dem Protagonisten und seinem Umfeld, das seine Spuren in den zahlreichen Wechseln der Musik hinterlässt. Um gerade die auf der Opernbühne unsichtbar bleibenden Elemente der Handlung, die dramatischen Entwicklungen im Inneren der Hauptfigur, wahrnehmbar zu machen, verwendet Haas subtile Differenzierungen: unterschiedliche Stimmungen (temperiert, stark reibende Dissonanzen zwischen hohen Teiltönen im Obertonakkord, weichere Schwebungen zwischen Viertel- und Sechsteltönen), unterschiedliche Artikulationsarten, Lautstärken, Rhythmen, Bewegungsrichtungen u. a. Dem gänzlich anders, nahezu ohne Mikrotonalität und als gleitender, pulsierender Verlauf komponierten Teil 2 der Oper ist mit den Lesarten der «Zeitkünste» Literatur und Musik kaum mehr beizukommen. Die Klänge sind hier der Malerei, dem Licht und der inneren Welt von Lars Hertervig fast näher als dem äußeren Geschehen, das rund um ihn herum immer mehr zur Zumutung ohne Möglichkeit der Gegenwehr wird. Und im Teil 3 schließlich sind es die Transzendenz, der Übergang von einer Welt in die nächste, denen Haas mit den ins Mikroskopische getriebenen, ureigensten Mitteln der Musik nachspürt.

Georg Friedrich Haas, 2007 mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet, zählt fraglos zu den erfindungsreichsten Komponisten der Gegenwart. Als er früh begann, sich mit mikrotonalen Kompositionstechniken und Stimmungssystemen jenseits der 12 temperierten Halbtöne des Klaviers zu beschäftigen, galt das noch als durchaus unüblich. Nicht zuletzt seinen Werken, die in besonderer Weise radikales Experiment mit unerhörter Klangschönheit verbinden, ist es zu verdanken, dass die faszinierenden Klangmöglichkeiten von Obertonspektren, Vierteltönen und Sechsteltönen längst größere Aufmerksamkeit erfahren. Vorläufiger Höhepunkt (nach Uraufführungen durch das Cleveland Orchestra, die Münchner Philharmoniker, die Basel Sinfonietta, das RSO Wien, das Klangforum Wien, bei den Donaueschinger Musiktagen, Wien Modern u. v. a. allein 2006/2007) ist die am 09.06.2008 in der Opéra National de Paris uraufgeführte Oper Melancholia, die am 24./25.10.2008 in der Oper Graz im Rahmen des steirischen herbst 2008 ihre Erstaufführung im deutschsprachigen Raum erlebt.

Bernhard Günther

Sonderausgaben

Melancholia

Georg Friedrich Haas: Melancholia

Studienpartitur
, 90’
Besetzung: 1 1 1 1 - 2 1 1 0 - Schl(2), Akk, Klav, Sax, Vl(4), Va(2), Vc(3), Kb(2)

Melancholia

Georg Friedrich Haas: Melancholia

Studienpartitur
, 90’
Besetzung: 1 1 1 1 - 2 1 1 0 - Schl(2), Akk, Klav, Sax, Vl(4), Va(2), Vc(3), Kb(2)

Uraufführung

Ort:
Paris
Datum:
09.06.2008
Orchester:
Klangforum Wien
Dirigent:
Emilio Pomàrico

Pressestimmen

Haas hat eine hoch emotionale und erschütternde Partitur verfasst. Hertervig findet keinen Halt mehr in der Welt – und die Musik von Haas zieht auch den Zuhörern den Boden unter den Füßen weg: In einem wogenden, schwappenden Klangfluss, der sich oft minutenlang kaum fortbewegt, schwankt alles, schliert wie heftige Pinselstriche aus dem Graben, eilt im Leerlauf in hoher Drehzahl dahin. Haas lässt den Sängern viel Raum und das Publikum keine Sekunde los: In dem dichten, unentrinnbaren Klanggewebe fehlt jeder feste Anhaltspunkt, an dem man seine Welt festmachen könnte. (Karl Harb, Salzburger Nachrichten)

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