Georges Lentz: String Quartet(s)

Georges Lentz String Quartet(s)
String Quartet(s)

Georges Lentz: String Quartet(s)

Kompositionsjahr:
2000-2013
Komponist:
Georges Lentz
Commission:
Kompositionsauftrag der Philharmonie Luxembourg
Anmerkungen:
Die Aufnahme wird bei Naxos 2014-2015 erscheinen. Aufgenommen vom Streichquartett "The Noise".
Dauer:
360’
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Werkeinführung

Parallel zu meiner Arbeit an Orchesterwerken habe ich mich in den letzten zehn Jahren immer wieder mit der „Königsgattung” Streichquartett auseinandergesetzt – sowohl durch Skizzierung zahlreicher eigener Fragmente als auch durch intensives Hören neuer Kompositionen zeitgenössischer Komponistenkollegen. Vielleicht war es mein Umgang mit der heute doch oft recht konservativen Institution „Orchester”, welche in mir immer mehr das Verlangen weckte, all die mit dieser Institution doch so häufig verbundenen zeitlichen, finanziellen und technischen Einschränkungen abzustreifen und mir einmal in anderem Rahmen größtmögliche Freiheit zuzugestehen. Die sich auf meinem Schreibtisch anhäufenden Quartettskizzen kamen mir hierbei wieder in den Sinn, sowie auch – ja doch – auch meine Enttäuschung mit den klanglichen Resultaten mancher zeitgenössischer Quartettkompositionen. Es schien mir, dass viele neue Werke, auch solche mit Einbeziehung von Live-Elektronik, klanglich nur einen Bruchteil dessen ausloteten, was heute mit Hilfe digitaler Techniken machbar wäre, und dass man es doch mal ganz anders versuchen sollte. Ich beschloss daher, auf eine Live-Aufführung zu verzichten und an einem Musikwerk einzig als Klangspur zu arbeiten, mit besonderem Interesse für Klänge und Formen, die live nicht machbar wären. Dabei wollte ich bewusst die heute im Zusammenhang mit allem Digitalem oft beschworene, modische Interaktivität vermeiden. Vielleicht ist es auch gerade wegen dieses Beschränkens auf das traditionell Festgelegte und Lineare eines „fertigen” Werkes für mich wichtig gewesen, meine Arbeit, in ihrer ungewohnten Form und trotz des zu erwartenden Widerspruchs, nicht lediglich als „Klanginstallation mit Streichquartettklängen”, sondern als STREICHQUARTETT verstanden zu wissen.

Der von mir hochverehrte kanadische Pianist Glenn Gould vertrat ab den 1960er Jahren die These, dass eine Aufnahme keine bloße Dokumentation eines Musikstücks oder einer Aufführung ist, sondern – im besten Falle – ein eigenständiges Kunstwerk an sich sein kann. Auch und gerade viele der anspruchsvolleren Vertreter heutiger Popmusik (Björk, Radiohead usw.) setzen in ihren Alben eine „post production” genannte Verarbeitung ihrer Studioaufnahmen zwecks Erzeugung neuer Klänge ein. In diesem Sinne wandte ich mich in meiner Heimatstadt Sydney an ein tolles junges Streichquartett, „The Noise”, und fing an, mit diesen vier sehr aufgeschlossenen Musikern viele Stunden lang Aufnahmen meiner Streichquartettfragmente der letzten Jahre zu machen. Das „Noise”-Quartett arbeitet oft mit Kontaktmikrophonen und Pedalen zwecks Verfremdung und Erweiterung ihrer klanglichen Möglichkeiten; auch Improvisation ist eine Stärke dieser vier Musikerfreunde, und sie kam bei unseren Aufnahmen ausgiebig zur Geltung. Wir arbeiteten mit hochwertigen bis bewusst sehr minderwertigen Mikrophonen; in trockenen/schlechten bis professionellen Akustiken (z. Bsp. im Konzertsaal der Sydneyer Oper). Wir platzierten die Mikrophone sehr weit von der Klangquelle entfernt oder aber ließen sie ganz nahe an die vibrierenden Saiten der Instrumente heran, manchmal bis zur Berührung. Auf diesem Wege erhielten wir schon bei der Aufnahme die unterschiedlichsten klanglichen Resultate. Auch das von sehr schlechten Mikrophonen oder überdrehten Aufnahmelevels erzeugte Hintergrundrauschen wurde mir, nach anfänglicher Verwerfung, zum verwendbaren musikalischen Material. Über all diesem wurde eines klar: die AUFNAHME an sich, als Prozess und Medium, mit all ihren Charakteristiken, Stärken und Schwächen, wurde zu einem Hauptthema der sich entwickelnden Komposition.

Diese stundenlangen Aufnahmen als Rohmaterial wurden dann in einer nächsten Phase auf vielfältige Art und Weise per Laptop abgewandelt, verzerrt, geloopt, überlagert, fragmentiert usw... Viele sowohl klangliche als auch strukturelle Möglichkeiten, die mit einem Livequartett von vier Musikern auf einer Bühne nicht möglich wären, eröffneten sich mir/uns in diesem Prozess. Auch die Unzulänglichkeiten der Editing-Software, welche für viel simplere und kommerziellere Zwecke entwickelt worden war, ergaben unbeabsichtigte, doch manchmal erstaunliche und kreativ durchaus nutzbare Klangresultate. Eine verloren geglaubte CD eines Teils unserer Rohaufnahmen fand ich zerkratzt wieder – und war erstaunt, dass der durch die Kratzer verursachte ‚digital glitch’ (Klicken) durchaus interessant klangen. Kurz, es entwickelte sich eine spannende und für mich ganz neue Dynamik des Hin und Her zwischen kompositorischer Kontrolle und Gehenlassen, Improvisation und Festgelegtem, Kalkuliertem und mich Überraschendem… Durch die extreme Rauheit mancher Klänge, die Miteinbeziehung von „Lo-Fi”-Techniken, die Überlagerung von Schichten, das scheinbar aus dem Stegreif nur so „Hingeworfene” fing ich an, diesen Prozess zunehmend mit einer Graffiti-Wand zu vergleichen, und ich sehe auch das Endresultat noch gerne als eine riesige, mit „Audio-Graffiti” besprayte Klangwand.

Früh schon wurde klar, dass dies – allein schon wegen der Fülle an Ausgangsmaterial – ein äußerst langes Werk werden würde: für manchen mag die endgültige Länge von sechs Stunden geradezu unsinnig erscheinen! Mich hingegen reizte es, eine Musik zu schreiben, die wegen ihrer fast unüberblickbaren Länge nicht auf einmal rezipiert werden kann – oder auch soll. Ich wollte versuchen, ein Musikwerk zu schaffen, mit dem man sozusagen „leben kann” – von welchem man vielleicht hier oder da fünf oder auch dreißig Minuten aufnimmt, in dem Wissen, dass „da noch viel mehr ist” – eine Musik, die man eventuell über Jahre nach und nach erkunden und kennenlernen kann. Ich wollte mich der riesigen Herausforderung stellen, in solch ungewohnten Klangdimensionen zu denken und zu gestalten, sie in eine zwingende, auch emotional nachvollziehbare Struktur zu bringen. Sinnvoll erscheint mir die Analogie zu einem STERNENHIMMEL, von welchem man lediglich einen winzigen Ausschnitt sieht, welcher jedoch auf die gigantischen Ausmaße sowie die schier überwältigende Komplexität, auch auf die (darf ich es wagen, ein sehr unzeitgemäßes Wort auszusprechen?) Erhabenheit von etwas „viel Größerem” verweist.

Über Jahre hat meine Lektüre der prophetischen Bücher des großen englischen Dichters William Blake (1757-1827) und vor allem seines apokalyptischen Meisterwerks „Jerusalem” (mit Blakes visionären Abbildungen) meinen so unmodischen Hang zum „Erhabenen” noch bestärkt, und so schien es mir während der Komposition musikalisch auch zusehends sinnvoll, ja unausweichlich, diese Klänge, welche ich Tag und Nacht in den Ohren hatte, in irgendeiner Form miteinzubauen – dies in der Endfassung an zwei kurzen, doch wesentlichen Scharnier-Stellen. Über den persönlichen Tagebuchcharakter solcher Zitate hinaus eröffneten sich mir hier Spannungsfelder: zwischen Schwer-Verständlichkeit der anspruchsvollen Texte und Schwer-Verständlichkeit durch polyphone Stimmüberlagerung der gesprochenen Texte, zwischen kurzen Textfragmenten und voll ausgelesenen Passagen, zwischen verschiedenen Zeitebenen (Romantik/21. Jahrhundert) und einer Art fast mystischer „Überzeitlichkeit/Zeitlosigkeit”, zwischen einer an Glenn Goulds Radio-Trilogie (Solitude Trilogy, 1967-77) mit ihren ähnlich überlagerten Stimmen erinnernden Kompositionstechnik und rein instrumentaler Komposition.

Den Titel String Quartet(s) möchte ich nicht allzu konkret erklären. Ich sehe in dem Plural „...(s)” eine ganze Reihe von möglichen Deutungen und möchte diese auch durchaus gelten lassen. Erwähnen sollte ich die Pluralität sehr kurzer Zitatfetzen klassischer Quartette (Haydn, Beethoven, Bartók, Lachenmann…), welche ich nicht bloß als Reverenz sehe, sondern in ihrer Zerbrechlichkeit/Zerbrochenheit auch als Hinweis auf die zunehmende Fragmentierung/Zersplitterung/Kontextlosigkeit/Pluralität/Simultaneität/Unverbindlichkeit unserer Erfahrung der heutigen Welt. Einheit entsteht hier, wie bei einem pointillistischen Bild, allenfalls durch Distanz zum Detail.

Als pointillistisch könnte man (in europäisch-westlicher Terminologie gesprochen und in diesem Zusammenhang natürlich völlig unpassend) auch das aus dem Jahr 2007 stammende, unbetitelte Bild der australischen Aborigine-Künstlerin Kathleen Petyarre bezeichnen, welches die Klangspur von String Quartet(s) ergänzt. Das Gemälde (Acryl auf Leinwand, 165 x 120 cm) befindet sich in meinem Besitz und ist mir, genau wie Blakes „Jerusalem”, seit einigen Jahren bei diesem Projekt ständiger Begleiter. In meinem Arbeitsraum hängend, hatte ich es wortwörtlich stets vor Augen. In diesem Sinne ist es für mich nicht bloße „Dekoration” zur Musik, sondern integraler Bestandteil von String Quartet(s), welcher im permanenten Dialog mit der Musik Spannungsräume eröffnet: Die bereits erwähnte Komplexität; die sich auch in der manchmal „punkthaften” Musik wiederfindende Sternenhimmel-Analogie; die vier offensichtlichen Linien als Sinnbild der vier Streicherlinien sowie eine Reihe versteckterer Linien; ein im Australien der Ureinwohner noch weniger abgenutzter Spiritualitätsbegriff; ein Gefühl unendlicher, über den Rahmen hinausgehender Weite – all dies spricht für mich aus diesem Bild. Aus solchen Kategorien speist sich nun mal meine Musik.

© Georges Lentz, 2013

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