Hans Sommer

Hans Sommer Biographie

Sommer wächst nach dem frühen Tod des Vaters (1840) ab 1845 in Wien, seit 1849 wieder in Braunschweig, in der Familie seines Stiefvaters, des Kamera-Fabrikanten Peter Wilhelm Friedrich (von) Voigtländer (1812–1878), auf. Seit ca. 1847 regelmäßiger Klavierunterricht

1854–1858 Mathematikstudium in Göttingen bei u.a. Peter Gustav Lejeune Dirichlet, einem Schwager Felix Mendelssohns; dort erste Kompositionen und ersten Komposi[-]tions[-]unterricht beim Schumann-Freund Julius Otto Grimm. Trifft in Göttingen auch mit Johannes Brahms, Clara Schumann und Joseph Joachim zusammen

Zwischen 1858 und 1876 zahlreiche Veröffentlichungen zur analytischen Darstellung von Linsen[-]systemen (Fotooptik). Die seinerzeit weltberühmten Braunschweiger Voigtländer-Werke nutzen ab 1877 Berechnungen Sommers zur Konstruktion von Fotoobjektiven.

Seit 1859 Lehrer für Mathematik am Braunschweiger Polytechnikum. Daneben regelmässige Kompositionsstudien bei Wilhelm Meves (1808–1871)

1863–1870 Gründung und künstlerische Leitung des Braunschweiger Vereins für Konzert[-]musik, veranstaltet Konzerte mit Joseph Joachim, Clara Schumann, Hans von Bülow, Ferdinand Hiller, Leopold Auer, August Wilhelmj uvm.

1865 UA des Opernerstlings Der Nachtwächter am Hoftheater Braunschweig

seit 1866 Professor für Mathematik am Braunschweiger Polytechnikum

1875 in Braunschweig erste Begegnung mit Richard Wagner

1875–1881 Direktor des Polytechnikums, 1878 Umwandlung in eine der ersten Technischen Hochschulen Deutschlands

1876 im Verlag Henri Litolff’s Herausgabe von fünf Klavierliedern als op. 1. Besuch der ersten Bayreuther Festspiele. Einladungen nach Wahnfried

1884 radikale Beendigung der naturwissenschaftlichen Karriere. Kompositionsunterricht in Weimar bei Franz Liszt. Als Reaktion auf den Unterricht bei Liszt Instrumentation des sechsteiligen Liedzyklus Sapphos Gesänge op. 6

seit 1885 als freischaffender Komponist Wohnort zunächst Berlin (1885–1888), dann Weimar (1888–1898)

1885 Heirat mit Antonie Hill (1854–1904), einer Tochter des Baritons Karl Hill (1831–1893), 2 Kinder

1885/1886 Vertonung einer Reihe von Eichendorfftexten und Herausgabe zweier Bände Romanzen und Balladen (op. 8/op. 11)

1887 Instrumentation der Ballade Sir Aethelbert (Felix Dahn) aus op. 11

1891 UA der Lorelei op. 13 in Braunschweig

1892 Aufführungen der Lorelei unter Richard Strauss in Weimar

1894 UA der einaktigen „Konversationsoper“ Saint Foix op. 20 unter Hermann Levi in München

1898 Rückkehr nach Braunschweig. Zusammen mit Richard Strauss und Friedrich Rösch Gründung der Genossenschaft Deutscher Komponisten in Leipzig.

1899–1903 Vorsitzender der Genossenschaft Deutscher Komponisten

1901 Herausgabe von fünf Brettl-Liedern nach Texten von Richard Dehmel, Otto Julius Bierbaum, Gustav Falckh und Heinrich Leuthold.

1903 Gründung – zusammen mit Richard Strauss und Friedrich Rösch – der Vorläufergesellschaft der GEMA. Wahl in den Vorstand des Allgemeinen Deutschen Musikvereins (ADMV)

1904 UA des Rübezahl op. 36 in Braunschweig

1905 Aufführungen des Rübezahl unter Richard Strauss in Berlin

1912 UA der letzten Oper Der Waldschratt op. 42 in Braunschweig, Wiederaufnahme des Saint Foix unter Max von Schillings in Stuttgart

1919–1921 Komposition einer Gruppe von zwanzig Orchesterliedern nach Texten von Johann Wolfgang von Goethe (Dichtungen von Goethe in Gesängen mit Orchester)

1922 Aufnahme in die Akademie der Künste zu Berlin. Sommer stirbt an den Folgen eines häuslichen Sturzes.

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Über die Musik

Spätromantische Juwelen

Der Braunschweiger Hans Sommer (1837–1922) eroberte mit seinem Liedschaffen ab den 1880er Jahren für rund drei Jahrzehnte einen festen Platz in den Konzertsälen. Hinsichtlich der Entwicklungsgeschichte des spätromantischen Klavierlieds verortete Sommers bislang einziger Biograf Erich Valentin ihn zeitlich unmittelbar vor Hugo Wolf: „In ihm berühren sich – man möchte fast sagen: zum ersten und einzigen Male – die Linien, die von Schumann und Liszt ausgehen.“ Nun erleben seine Lieder eine Renaissance, auch auf CD.

Hans Sommer studierte privat Musik und war als Komponist unter anderem Schüler von Franz Liszt. Er war Vorsitzender (und zusammen mit Richard Strauss der Initiator) der Genossenschaft Deutscher Komponisten (1898–1903). 1875 traf Sommer erstmals mit Richard und Cosima Wagner zusammen, gründete in Braunschweig einen Wagner-Verein und ist in den Folgejahren durchaus zum Künstlerkreis Wahnfrieds zu zählen, suchte aber, wie Sommer selbst in seinen Lebenserinnerungen schrieb, „einer blinden Gefolgschaft“ zu entgehen.

Nachdem er zur radikalen Beendigung einer erfolgreichen naturwissenschaftlichen Karriere (Direktor der Technischen Hochschule Braunschweig) entschlossen war, begann mit Mitte Vierzig(!) Sommers Karriere als freischaffender Kom[-]ponist. Von 1882 an ließ er in schneller Folge bei Henri Litolff’s mehr als einhundert Lieder und Balladen erscheinen, bevor ihn der Achtungserfolg seiner Oper Lorelei (UA 1891), die auch Richard Strauss 1892 in Weimar herausbrachte, als Opernkomponisten etablierte. Mit dem Münchner Bariton Eugen Gura, bekannt für seine Verdienste als früher Interpret der Lieder Hugo Wolfs, und Sommers Schwiegervater Karl Hill, Wagners ersten Bayreuth-Alberich, fanden Sommers Lieder in den Konzertsaal – durch Leo Slezak auch auf Schallplatte – und wurden im Feuilleton diskutiert.

Wie besonders bei den 1886 erschienenen Romanzen und Balladen op. 8/op. 11 evoziert auch bei einigen von starker Dramatik geprägten Liedern der Klaviersatz bereits einen spätromantischen Orchesterapparat, so dass als Konsequenz Sommer Ende 1884 sein wenige Monate zuvor als op. 6 veröffentlichten, sechsteiligen Liedzyklus Sapphos Gesänge im Anschluss an einen kurzen Studienaufenthalt bei Franz Liszt und möglicherweise auf Anregung von jenem orchestrierte (Liszt: „Die Lieder sind freilich sehr dramatisch gehalten aber mit Verstand und Geschmack. Fahren Sie nur so fort!“).

Liszts Rolle als wichtiger Wegbereiter des spätromantischen Orchesterliedes erfährt mit Sapphos Gesänge einen weiteren – indirekten – Beleg, denn Sommer ist im deutschen Sprachraum deutlich der Erste, der eine inhaltlich zusammenhängende Liederfolge (Aufführungsdauer rund 25 Minuten) zu einem Orchesterliedzyklus für Sologesang und symphonisches Orchester umformt. Sommer ließ die Orchesterfassung von Sapphos Gesänge allerdings vermutlich erst um 1903 als Leihmaterial erscheinen.

Die erste öffentliche Erwähnung des Orchesterliedzyklus‘ datiert dagegen vom Januar 1885 (Allgemeine Musik-Zeitung, Berlin). Seine Uraufführung erlebte ein Einzellied daraus 1889 in den Niederlanden, der komplette Zyklus in Braunschweig 1903. Insgesamt liegen von Sommer 29 Orchestergesänge vor (u. a. eine geschlossene Gruppe von 20 Goethe-Liedern, komponiert und orchestriert zwischen 1919 und 1921).

Von den 10 Opern Sommers hatte besonders der 1892/93 in Weimar komponierte Einakter Saint Foix als Erstlingswerk der historisierenden „Konversationsoper“ (UA 1894) trotz zunächst vehementer Ablehnung des Publikums wie der Kritik das Interesse und die Wertschätzung bei Kollegen geweckt, vor allen anderen bei Richard Strauss („modernes Pendant zum Barbier von Sevilla u. Figaros Hochzeit“), mit dem Sommer seit den gemeinsamen Weimarer Jahren (1889–1894) eine anfangs engere, später dann weniger intensive, dennoch lebenslange, von gegenseitigem Respekt geprägte Freundschaft verband.

Hans-Christoph Mauruschat

Pressestimmen

"Weht Dir mein Geist durch die Ewigkeit wieder"

Erstaufführung von Orchesterliedern Hans Sommers.

„Gibt es tatsächlich nachträgliche Gerechtigkeit? Lässt sich – mit Jahrzehnten Verspätung – das scheinbar unabänderliche Urteil der Musikgeschichte nachhaltig korrigieren? Im Falle von Hans Sommer haben der Dirigent Sebastian Weigle, die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman und die Bamberger Symphoniker am Samstag mit großem Nachdruck und Überzeugungskraft Revision eingelegt. Beim jüngsten Abonnementkonzert der "Bamberger" erlebte die 1884 entstandene Orchesterfassung von Sommers Liederzyklus Sapphos Gesänge ihre packende Erstaufführung an der Regnitz.

Mit Sommers op. 6 ist ein Komponist zu entdecken, der – allen erkennbaren Einflüssen zum Trotz – in diesen Liedern einen beachtlich eigenständigen Stil gefunden hat. Mag auch in vielen Details bis hin zum oftmals deklamatorischen Gestus der Einfluss von Wagner und Liszt unverkennbar sein – epigonal wirken Sommers Sappho-Gesänge keineswegs. Vielmehr beeindruckten sie durch ihren Farbenreichtum im Klang, durch ihren Nuancenreichtum im Ausdruck, den Sebastian Weigle mit sensiblem Gespür fein differenziert entfalten ließ.

Vor allem aber fand Hans Sommer in Elisabeth Kulman eine Vokalsolistin, die das Publikum mit intensiver Gestaltungskraft in Bann zog, besonders nachdrücklich im Schlussgesang ‚Weine nicht, weil Dich die Götter gesendet’ (‚Singst Du dereinst meine Leider, weht Dir mein Geist durch die Ewigkeit wieder’).

Ihr warm timbrierter Mezzosopran klang durchweg präzis fokussiert, wirkte in allen Lagen sicher geführt und abgerundet in der Tongebung. Nie geriet sie in Versuchung, dynamisch zu forcieren – auch dort nicht, wo Sebastian Weigle den Orchestersatz vielleicht ein Spur noch hätte zurücknehmen können. Sorgsam differenzierte Artikulation garantierte stets subtil textbezogene Interpretationen bei durchweg guter Verständlichkeit. Entsprechend ausdauernd begeistert war denn auch der Beifall des Publikums.“

(Jochen Berger, Fränkischer Tag)

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