Henri Pousseur: Votre Faust

Henri Pousseur Votre Faust
Votre Faust

Henri Pousseur: Votre Faust

Kompositionsjahr:
1961/1968
Untertitel:
Variables Spiel in Art einer Oper
Version:
Neufassung 1981
Komponist:
Henri Pousseur
Original-Sprache:
Französisch
Übersetzer:
Helmut Scheffel
Librettist:
Michel Butor; Henri Pousseur
Rollen:
Sänger: Der Bassist / Die Altistin / Die Sopranistin / Der Tenor – Schauspieler: Der Theaterdirektor / Henri / Maggy / Die Sängerin / Die Schauspielerin
Instrumentierung:
1 0 1 1 - 1 1 0 0 - Schl, Hf, Klav, Asax, Vl, Vc, Kb
Instrumentierungsdetails:
Flöte (+Picc)
Klarinette in B (+Kl(Es))
Altsaxophon in Es
Fagott
Horn in F
Trompete in C
Schlagzeug (von den Sängern und Instrumentalisten zu spielen): Claves, Castagnetten, Maracas, Blech, wood chimes, Triangel, Crotales, Grelots, Charleston, glass chimes, crecelles, fouets, Tam-Tam, Amboß, blocs chinoises, Bongos, Toms, Trommel, große Trommel, Cymbal, guiro, Gong, Marimba, Glockenspiel, wood blocks, Almglocken
Harfe
Klavier
Violine
Violoncello
Kontrabass
Tonband, Lautsprecher im Saal
Scenery:
1 Grunddekoration mit Projektionen
Dauer:
variabel 150–180'
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Hörbeispiele

Votre Faust
00:00

Die gesamte Ansichtspartitur (PDF-Vorschau)

Werkeinführung

Henri Pousseur schrieb 1995 an die UE in einem Brief: „Wie Sie schon wissen ist Votre Faust kein Werk, das sich problemlos dem regulären Opernapparat einfügt. Als wir es konzipiert haben, Butor und ich, Anfang der 60er Jahre, träumten wir von einer neuen Theaterform, die die Eigenschaften des (modernen) Sprech- (und Spiel-) Theaters mit denen der modernen Musik verbindet und sich eher der barocken Oper, der Brecht-Weill'schen Opernform, dem japanischen No und dem „théâtre de tréteaux“, wie etwa l'Histoire du soldat, etwas nähert, aber dennoch etwas ganz Anderes ist.“

Im Mittelpunkt dieser „variablen“ Oper steht der junge Komponisten Henri, der von einem teuflischen Theaterdirektor den Auftrag bekommt, einen „Faust“ zu schreiben. Die Oper ist aber so strukturiert, dass das Publikum nach dem Ende des ersten Akts über den Fortgang der Geschichte entscheiden darf. Soll Henri sein Leben mit der warmherzigen Maggy verbringen? Oder mit der aufreizenden Greta? Von dieser Gabelung an verzweigt sich ein immer komplizierteres Geäst von Alternativen. Nach fast jeder Szene kann das Publikum abbrechen und das Geschehen umlenken. Die jeweiligen Alternativen sind zwar durchstrukturiert, der Weg selbst aber ist unvorhersehbar.

Pousseur: „Ab einem gewissen Punkt ist die Oper wie eine Gleisanlage mit vielen Weichen, die auf Wunsch der Zuschauer von den Akteuren, Sängern, Musikern gestellt werden. Das sind die Vorteile ,mobiler' Kunst.“

Pousseur und Butor spielen mit biographischen Selbstreflexionen und greifen tief in den Zitatenschatz von Literatur und Musik aller Stilepochen. Das Wiedererkennen auch nur eines Teils der Zitate, Imitationen, literarischen und musikalischen Anspielungen verschafft dem Publikum einen ganz spezifischen Genuss und auch ein tieferes Verständnis für das Ganze.


Wie Sie schon wissen ist Votre Faust kein Werk, das sich problemlos dem regulären Opernapparat einfügt. Als wir es konzipiert haben, Butor und ich, Anfang der 60er Jahre, träumten wir von einer neuen Theaterform, die die Eigenschaften des (modernen) Sprech- (und Spiel-)Theaters mit denen der modernen Musik verbindet und sich eher der barocken Oper, der Brecht-Weill'schen Opernform, dem japanischen No und dem „théâtre de tréteaux“, wie etwa l'Histoire du soldat, etwas nähert (aber doch noch ganz anders). Das ist sicher der Hauptgrund, weshalb das Werk – vor allem in der etwas später ansetzenden „Renaissance“ der traditionellen Oper – einer Realisation bis jetzt so viele Schwierigkeiten gestellt hat.

Auszug aus einem Brief von Henri Pousseur an die Universal Edition vom 6. November 1995

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Uraufführung

Ort:
Gelsenkirchen
Datum:
13.03.1982

Pressestimmen

[…] Radikaler geht es nicht, und das Radialsystem verkündet die frohe Botschaft, dass die Avantgarde wieder auferstanden ist.

Vielleicht war sie gar nie tot, sondern nur vergessen, und beruhigt darf man zur Kenntnis nehmen, dass der Intendant des Basler Theaters an der Inszenierung mitgewirkt hat. Er wird sie im November in seinem Haus vorstellen, und man darf hoffen, dass sich dieses große Stück Musiktheater endlich durchsetzt. Und dann auch in Berlin nicht nur für drei Tage zu sehen ist.

Auszug aus der Taz, Berlin lokal, 02.04.2013; Niklaus Hablützel

 

Dass „Votre Faust“ jetzt zum vierten Mal aufgeführt wird, geht maßgeblich auf die Initiative von Gerhardt Müller-Goldboom zurück. „Für mich ist diese Oper eine der bedeutendsten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, sagt er. Pousseur würde mit ihr der gesamten Faust-Tradition seit dem Spätmittelalter bis heute ein Denkmal setzen. So bezieht sich etwa der 5/8-Takt zu Beginn eines jeden Abschnitts auf das Pentagramm, den fünfzackigen Stern, der bei Goethe Mephisto am Verlassen von Faustens Studierstube hindert. Aber wie Goethes Pentagramm ist dieser Takt unvollständig: Der jeweils erste Schlag fehlt. Pousseur verwendet in seinem Stück uralte Formen – und weist zugleich weit in die musikalische Zukunft hinein.

Auszug aus dem Tagesspiegel, 24.03.2013; Udo Badelt

 

In der Vorstellung am Ostersonntag entschied sich das Publikum nach dem ersten Akt mit großer Mehrheit für Henris Herzensliebe Maggy. Man verband mit Maggy (Julia Reznik) bestimmte Erwartungen, nämlich die auf ein gutes Ende. Mittels Blechschellen konnte das Publikum nun über ein „Applausometer“ im zweiten Teil Einfluss auf die Handlung nehmen. Aber weder die Musik noch der Dialog legten rechtzeitig bestimmte Sinn-Erwartungen nahe. So ließ sich das Publikum von der bloßen Möglichkeit der Interaktion – ohne jede Kenntnis der Konsequenzen – verleiten, an jeder Schaltstelle einzugreifen. Aus der Möglichkeit wurde ein spielpsychologischer Zwang zum Eingriff, der für die Hauptfigur in die Katastrophe führte. Das glückliche Ende wäre nur ohne jegliches Einwirken des Publikums erreicht worden. Das aber erlag bei jeder Station einem „Unterbrechreiz“, wie es ein Gast treffend formuliert hat.

So hat dieser Abend eindringlich demonstriert, wie in einer kompetenzfreien Demokratie durch permanente Verführung zum Eingriff der Weg zu einem guten Ende verdorben werden kann. Dass eine ahnungslose Mehrheit einer kundigen Minderheit die Arbeit verpfuscht, kennt man ja inzwischen aus allen Bereichen des Lebens, wo Inhalte an Quoten ausgerichtet werden. Votre Faust als Publikumsexperiment ist eine Studie über die Misere antiautoritären Verhaltens in dem Sinne, dass es Autorität nicht als Herrschaft rechtfertigt, sondern als eine Gestaltungsinstanz, die durch Kenntnis und Verantwortung bestimmt wird. Gnadenlos ließ diese Vorstellung nach vier Stunden ihr Publikum in einem Schlamassel zurück, den es selbst angerichtet hatte.

Auszug aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2013; Jan Brachmann

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