Karlheinz Stockhausen: Kurzwellen

Karlheinz Stockhausen Kurzwellen
Kurzwellen

Karlheinz Stockhausen: Kurzwellen

Katalognummer:
Nr. 25
Kompositionsjahr:
1968
Instrumentierung:
für 6 Spieler
Komponist:
Karlheinz Stockhausen
Instrumentierungsdetails:
Klavier, Elektronium, Tamtam mit Mikrophon, Viola mit Kontaktmikrophon, 2 Filter mit 4 Reglern und Lautsprechern, 4 Kurzwellenempfänger.
Anmerkungen:
"Kurzwellen" kann auch in einer anderen Instrumentalbesetzung, die der hier angegebenen entspricht, interpretiert werden.
Dauer:
50–65'
Widmung:
Professor Hugo Wolfram Schmidt dem Initiator der Kölner Kurse für Neue Musik gewidmet
Mehr Weniger

Hörbeispiele

Kurzwellen
00:00

Werkeinführung

Wie die Prozession so sind auch die Kurzwellen für das Ensemble entstanden, mit dem ich seit 1964 Tourneen mache. Die Instrumente sind Klavier, großes Tamtam mit Mikrophon, Bratsche mit Kontaktmikrophon, Elektronium, 2 Filter mit 4 Reglern, 4 Kurzwellenempfänger. Das Werk kann auch mit einer anderen Instrumentalkombination, die der erwähnten entspricht, interpretiert werden.

In der Telemusik komponierte ich verschiedene Prozesse der Intermodulation in Verbindung „gefundener“ (Folklore-) Musik – aus verschiedenen Ländern und Epochen – mit elektronischer Musik. Diese Erfahrungen wurden in den Hymnen erweitert durch die Integration von Nationalhymnen in elektronische Musik. In Prozession transformieren die Spieler Ereignisse aus meinen früheren Kompositionen. In Kurzwellen schließlich hat jeder Spieler außer seinem Instrument einen Kurzwellenempfänger, aus dem er das musikalische „Material“ empfängt, auf das er reagiert, das er imitiert, transponiert, moduliert und ins Zusammenspiel gegenseitiger Reaktion und Intermodulation bringt.

Zur Erläuterung zitiere ich einige Spielanweisungen:

Es gibt vier Stimmen. Jeder Instrumentalist erhält eine Stimme. Sie enthält eine Reihenfolge von Plus-, Minus- und Gleichheitszeichen: Plus heißt höher ODER länger ODER lauter ODER mehr Glieder, Minus heißt tiefer ODER kürzer ODER leiser ODER weniger Glieder, Gleich heißt unverändert. Bei jedem Wechsel von einem Ereignis zum anderen berücksichtigt ein Spieler ein Zeichen in der gegebenen Reihenfolge. Die Zeichen können auf die Lage, auf die Lautstärke, auf die Dauer und auf die Zahl der Glieder eines Ereignisses angewendet werden. Ein Ereignis wird entweder mit dem Kurzwellenempfänger oder mit dem Instrument gespielt. Das erste muss ein Kurzwellenereignis sein. Mit jedem Ereignis reagiert ein Spieler entweder auf das Ereignis, das er selbst zuvor gespielt hat, oder auf ein Ereignis eines anderen Spielers, das als nächstes beginnt, und das er sich erst ganz anhört bevor er reagiert.

Beim Instrumentalspiel sollen Rhythmus, Klangfarbe, melodische Kontur und Hüllkurve desjenigen Ereignisses, auf das man sich bezieht, so ähnlich wie möglich imitiert und gemäß dem vorgeschriebenen Veränderungsgrad transponiert werden.

Wann und wie oft jeder Spieler zwischen Kurzwellenereignissen und Instrumentalereignissen wechselt, bestimmt er selbst.

Unmodulierte realistische Kurzwellenereignisse sollen vermieden werden. Um ein Kurzwellenereignis zu finden, das einem vorgeschriebenen Veränderungsgrad entspricht, soll man zuerst leise eine Sendereinstellung suchen, und dann mit dem Ereignis beginnen. Das leise Suchen von Sender zu Sender bis zu dem jeweiligen Moment, wo sich der Spieler für ein geeignetes Kurzwellenereignis entscheidet, soll sich als charakteristische Qualität mitteilen und deshalb sorgfältig und immer musikalisch gestaltet sein; auch nicht gewählte Sendungen soll man sich für Momente mit unterschiedlicher Dauer und Hüllkurve anhören, bevor man weiterdreht.

Jeder Spieler gibt sich einen Namen in Form eines musikalischen Signals. Mit diesem Namen kann er von einem anderen Spieler aufgefordert werden, ein Duo, Trio, Quartett mitzuspielen. Es gibt in den Stimmen sechs verschiedene Zeichen, die einen Spieler zur Aufforderung der anderen zum synchronen oder alternierenden Zusammenspiel veranlassen.

Es gibt vier Stationen, an denen die Spieler aufeinander warten müssen. Jeder wiederholt dann sein letztes Ereignis, bis alle angekommen sind und einer – seiner Stimme gemäß – den Einsatz zur Fortsetzung gibt.

Eine Aufführung soll nicht wesentlich länger als ca. 50 Minuten dauern.

Durch die Konzentration aller Spieler auf unvorhersehbare Ereignisse aus dem Kurzwellenbereich, von denen man nur in den seltensten Fällen weiß, wer sie komponiert oder erzeugt hat, wie sie entstanden sind und woher sie kommen – unter denen alle überhaupt nur möglichen akustischen Phänomene auftauchen können –, wird eine ungeahnte Intensität des Hörens und intuitiven Spielens erreicht, die sich auf alle Mitspieler und Zuhörer überträgt.

So haben wir schon in den ersten Aufführungen die direkte Erfahrung einer andauernden überpersönlichen Eingebung, ausgedehnter Stille, einer Vielschichtigkeit, Freiheit, Weiträumigkeit und einer medialen Selbstentäußerung gemacht, die all unsere bisherigen Erfahrungen übersteigen und etwas entscheidend Neues in der musikalischen Interpretation überhaupt ankündigen.

Ich kann im Augenblick über die Kurzwellen nicht mehr berichten, als dass Zeiten und Räume, in denen wir bisher gewohnt waren, Musik zu machen, aufgehoben sind und die Möglichkeit sich abzeichnet, mit Bewusstseinsschichten Verbindung aufzunehmen, die uns bisher verschlossen oder nur in äußerst kurzen Momenten intuitiver Eingebung zugängig waren.

Karlheinz Stockhausen

Aus dem Programmheft München, 1968

Aus unserem Onlineshop

Uraufführung

Ort:
Bremen
Datum:
05.05.1968
Orchester:
Gruppe Stockhausen

Weitere Werke

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!

Sie bekommen regelmäßig Informationen über neue Notenausgaben mit Gratis-Downloads, aktuelle Gewinnspiele und News zu unseren Komponistinnen und Komponisten.