Karlheinz Stockhausen: Solo

Karlheinz Stockhausen Solo
Solo

Karlheinz Stockhausen: Solo

Katalognummer:
Nr. 19
Kompositionsjahr:
1965/1966
Instrumentierung:
für Melodieinstrument mit Rückkopplung (1 Spieler und 4 Assistenten)
Komponist:
Karlheinz Stockhausen
Instrumentierungsdetails:
Formschema
Inhaltsverzeichnis:
Solo
Dauer:
10–19'
Widmung:
Meinem Freund Alfred Schlee gewidmet
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Hörbeispiele

Solo
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Werkeinführung

Ich stellte mir eine Musik vor, in der sich – wie im Leben – zu bestimmten Augenblicken Splitter oder Gestalten der Erinnerung gleichzeitig hörbar überlagern und der Solist Kommentare, Ergänzungen, Neues dazu spielen könnte: eine Musik, bei der man spürt, dass der Spieler „laut denkt“ und man das Entstehen und Vergehen von vielschichtigen Vorgängen miterlebt. Erst dann, wenn Musik das mehrdimensionale Denken und Erleben und den Prozess der Strukturbildung – anstelle eines Objektes – bewusst machte, wäre eine höhere Stufe des Komponierens für einen Solisten erreicht. Alles, was der Spieler denkt während der Vorbereitung und Aufführung seines Solos, müsste klanglich wahrnehmbar werden: die Rückkopplung zwischen dem Spieler und seinem Gespielten und seinem zu Spielenden, zwischen ihm und seinem zweiten ICH und seinem dritten ICH und seinen vielen ICHS, die vorher gespielt haben und noch spielen werden.

In der bisherigen Solo-Musik folgte immer eins nach dem anderen; der zeitliche Ablauf wurde als eine Linie konzipiert und gehört. Mir schwebten jedoch musikalische Räume vor, in denen die Reihenfolge der Ereignisse nicht festliegt, sondern in denen man sich in alle Richtungen bewegen kann, ähnlich wie man eine mobile Skulptur betrachtet. Die Spontaneität des Spielens und das akustische „Aufspeichern“ und „Vertikalisieren“ von musikalischen Momenten müsste dieses räumliche Bewusstsein erlebbar machen.

Jedenfalls ist Solo, dessen erste Skizzen ich schon 1964 schrieb und das in engstem Zusammenhang mit den Kompositionen Plus minus, Momente und Mikrophonie I steht, ein erster Versuch in dieser Richtung. Solo kann mit jedem beliebigen Melodie-Instrument – auch mit mehreren Instrumenten, die einer spielt – interpretiert werden.

Das Notenmaterial kann man, dem Tonhöhenumfang des gewählten Instrumentes entsprechend, transponieren; und alle Klangfarben- und Spielartvarianten sind so notiert, dass der Spieler selbst die ihm möglichen Varianten der Klangerzeugung und Spieltechnik einsetzen kann. Von sechs vorgegebenen Formverläufen fürs Solospiel und seine Rückkopplungen wählt er sich einen für eine Aufführung aus. Außer dem Notenmaterial sind ihm qualitative Bestimmungen gegeben, wann er mehr polyphone, mehr blockartige oder mehr akkordische Strukturen bilden soll; wann er sich mehr auf Elemente, auf Teile oder auf ganzheitliche Gestalten oder auf Verbindungen dieser Kriterien konzentrieren soll; wann er nur ähnliches oder gegensätzliches oder verschieden artikuliertes Material wählen soll; und wann er sich mehr auf gegenwärtig Gehörtes (die polyphonen Bildungen der Rückkopplung werden über Lautsprecher wiedergegeben), auf Beziehungen zwischen Gegenwärtigem und zuvor Gespieltem oder zwischen Gegenwärtigem und Folgendem in musikalischen „Erinnerungen“ und „Ankündigungen“ – oder auf Verbindungen dieser „Richtungen“ einstellen soll.

Es stellte sich schon bei der Vorbereitung der beiden ersten Versionen in Tokyo heraus, dass dieser Prozess für die Musiker viel zu neuartig und schwierig war, um in der Aufführung selbst realisiert zu werden. Die Musiker – und alle anderen, die seitdem Solo spielten – bereiteten sich eine geschriebene Version vor, indem sie das Material vorordneten. Tatsächlich übersteigt die gestellte Aufgabe die strukturelle Denkfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit heutiger Musiker. Und da ich den zeitlichen Ablauf der einzelnen Perioden und Formzyklen festgelegt habe – wenngleich die Dauern der sechs Versionen zwischen ca. 10 1/2 und 19 Minuten variieren –, gab ich selbst die Anregung zur schriftlichen Ausarbeitung von Versionen.

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: für eine Aufführung von Solo benötigt man eine ziemlich komplizierte Apparatur, die von vier Assistenten bedient wird. Das Gespielte wird zeitweise über Mikrophon auf Tonband aufgenommen, den Anweisungen gemäß. Die aufgenommenen Ereignisse werden in verschiedenen polyphonen Anordnungen übereinander kopiert und zu bestimmten Zeiten zum Spiel des Solisten über Lautsprecher wiedergegeben.

Karlheinz Stockhausen, TEXTE zur Musik, DuMont

Aus unserem Onlineshop

Uraufführung

Ort:
Tokyo
Datum:
25.04.1966

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