Luciano Berio: Notturno

Luciano Berio Notturno
Notturno

Luciano Berio: Notturno

Kompositionsjahr:
1993
Zusätzlicher Titel:
3. Streichquartett
Untertitel:
Quartetto III
Instrumentierung:
für Streichquartett
Komponist:
Luciano Berio
Instrumentierungsdetails:
1. Violine
2. Violine
Viola
Violoncello
Commission:
Commissioned by Internationale Musikforschungsgesellschaft / Konzerthaus Wien and The South Bank Centre London
Dauer:
26’
Widmung:
Scritto per il Quartetto Alban Berg e dedicato a Lorin Maazel per il suo sessantesimo compleanno
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Hörbeispiele

Notturno
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Werkeinführung

Notturno, das 3. Streichquartett Berios, ist 1993 entstanden. Wie seine beiden ersten Quartette, deren Komposition Jahrzehnte zurückliegt - sie sind 1956 bzw. 1964 vollendet – ist es einsätzig komponiert. Das Werk trägt als Inschrift die Worte 'Ihr das erschwiegene Wort', eine Zeile aus dem Gedicht Argumentum e silencio von Paul Celan. Sie sind eine Huldigung an die Nacht, die in diesem Gedicht als unfreiwillige Zeugin menschlicher Erfahrungen 'zwischen Gold und Vergessen' auftritt. Die Nacht, die auch im Titel Notturno gemeint ist, wird zum Symbol der dunklen Erinnerung, in der der Sprachfluss an seine Grenzen gerät und verstummen muss. Bei dem von den Erfahrungen des Holocaust geprägten Dichter Celan, der sich 1970 in Paris das Leben nahm, ist dieses Symbol untrennbar mit der konkreten Bedrohung durch Tod und Gewalt verbunden. Gleichzeitig birgt das nächtliche Schweigen Raum für menschliche Dimensionen jenseits der konkreten Sprache. Sie signalisiert gerade angesichts entgrenzender Erfahrungen auch die Hoffnung, in ihrer Sprachlosigkeit beredt zu werden.

Berio erschließt weite Räume, Tiefen und schillernde Farben für seine musikalische Deutung der Celan'schen Dichtung. Die vier Stimmen verflechten sich zu Klangflächen, aus denen - bei aller Viruosität - selten Einzelstimmen hervortreten. Auch wenn sich Entwicklungen ahnen lassen und mit entsprechenden Erwartungen gespielt wird, bricht der Fluss immer wieder ab, verstummt und entsteht unmerklich von neuem. In nuancenreichen Schattierungen der Dynamik, der Phrasierung und der Klangfarben hält die scheinbar statische Musik den Hörer in ihrem Bann.

„Notturno ist ein nächtliches Stück, weil es still ist. Es ist still, weil es aus unausgesprochenen Worten und unvollständigen Gesprächen besteht. Es ist still, selbst wenn es laut ist, weil die Form still und nicht-argumentativ ist. Jedesmal, wenn es in sich zurückkehrt, bringt es diese stillen Worte an die Oberfläche; immer, wenn es innehält, auf einer einzelnen Figur besteht, sie obsessiv ausdehnt.” (Berio)

Sabine Meine


Berios drittes Streichquartett ist, trotz den heftigen, schnellen, fortissimo Abschnitten, eine Musik des Understatements. Die ersten etwa neun Minuten stellen das langsame, tastende Entstehen einer Melodie dar, unterbrochen durch die pppp Repetitionen derselben Töne in den vier Streicherstimmen. Die Melodiefragmente – zunächst nur zwei Töne – erscheinen mal in der ersten Violine, mal in dem Cello, oder der Bratsche, immer wieder auch als Echo. Die Klangrepetitionen zeichnen sich durch starke Akzente aus. Die Melodie nimmt ab Takt 184 überhand, hier wird die Musik (dolcemente, semplice) verletzlich und gleichsam unschuldig. Es folgen kontrastierende Abschnitte, mal molto intenso, ossessivo, mal immobile, sospeso – im letzteren ist die Musik vielleicht am poetischsten, am ergreifendsten. Das dritte Drittel der Komposition ist fast ausschließlich, bis auf kurze Ausbrüche, der langsamen, sensiblen, fragilen Musik übergeben: sie ist meditativen, grübelnd, mit Glissando-Seufzern.

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Uraufführung

Ort:
Wien
Datum:
31.01.1994
Orchester:
Alban Berg Quartett

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