Mauricio Kagel: Atem

Mauricio Kagel Atem
Atem

Mauricio Kagel: Atem

Kompositionsjahr:
1969/1970
Instrumentierung:
für 1 Bläser
Komponist:
Mauricio Kagel
Instrumentierungsdetails:
ein Bläser und mindestens 3 beliebige Blasinstrumente, die der Ausführende nacheinander oder gleichzeitig bedient. 1 Tonbandgerät mit 2 Lautsprechern (für laufende Einspielung) erforderlich.
Dauer:
15–25'
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Hörbeispiele

Atem
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Werkeinführung

Authentisches: In meiner Nachbarschaft wohnt ein pensionierter Bläser. Seine Haupttätigkeit heute: Rohrblätter für Kollegen schneiden. Um die Qualität der Blätter zu prüfen, spielt er stets die gleiche, kurze Tonfolge (Floskel – rasche Tonleiter – Floskel – Pause – Floskel). Im selben Haus wohnt ein Sohn des alten Mannes. Auch er ist Musiker, 50 Jahre jünger und bläst Posaune.

Erfundenes: Ein pensionierter Bläser widmet sich stets dem Gleichen: seine Instrumente glänzend zu erhalten. Immer wieder geht er zum Schrank, öffnet die Kästen, nimmt die Instrumente weitgehend auseinander und montiert sie anschließend wieder zusammen, ölt die Mechanik, pustet ins Blasrohr, trocknet Speichelreste, wärmt Rohrblätter und Mundstücke, übt stumm, spricht gern mit sich selbst und putzt dabei unaufhörlich weiter. Zum richtigen Blasen kommt er selten. Gleichzeitig tritt ein junger Bläser auf, setzt sich auf einen niedrigen Stuhl und trägt – mit häufigem Wechsel von Dämpfer und Instrument – seine Partie vor. Die Töne, die er zu spielen versucht, gelingen selten. Stumpfe, entgleiste Klänge mit defektem Zungenrollen und schlaffen Lippen hervor gebracht.

Im Verlauf des Stückes nimmt das Alter dieses Musikers zu. Er bleibt schließlich – eines unverzerrten Blasens nicht mehr fähig – scheinbar tot auf dem Fußboden liegen, den erhofften Ruhestand erwartend.

Mauricio Kagel


Atem – Stück für einen Bläser mit mindestens drei Instrumenten und einem Darsteller der beschriebenen Aktionen (die allerdings auch nur vom Tonband hörbar sein können) – greift ein älteres Grundmotiv Kagels auf, die Inszenierung der Produktion von Klängen. Der Part des Instrumentalisten sieht zwar höchst schwierige und differenziert zusammen gesetzte Klangerzeugungen vor, die jedoch nur selten schöne Töne zum Resultat haben: Dämpfer, die Reinheit des Tones trübende Artikulationen oder gleichzeitiges Hineinsingen in das Ansatzrohr lassen das meiste matt, gebrochen, deformiert klingen. Eingeschlossen in Übezellen mit stets denselben Tonleitern und Etüden, auf der Suche nach dem normierten Wohlklang, genötigt etwa zur Beseitigung von Speichel – so verrinnt der Musiker Lebenszeit, geopfert auf dem Altar der Perfektion, gefüllt mehr mit Banalitäten denn hoher Kunst. Atmen, des Elementarste gar, verschmilzt dabei allmählich mit dem Instrument, dieses wird zum Sprachrohr, zum einzigen Artikulationsorgan des Musikers; selbst dort, wo der Glanz seiner Töne vergangen und der Spieler nur noch um das Strahlen des Metalls bemüht ist, Abglanz seiner Existenz. Die Einkreisung des schönen Tones, Inhalt eines Musikerdaseins, Fetisch der Musikwelt, offenbart eine tragische Lächerlichkeit.

aus: Werner Klüppelholz: Mauricio Kagel 1970 – 1980 (Dumont Dokumente)

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