Vykintas Baltakas: Poussla

Vykintas Baltakas Poussla
Poussla

Vykintas Baltakas: Poussla

Kompositionsjahr:
2002/2006
Instrumentierung:
für Ensemble und Orchester
Komponist:
Vykintas Baltakas
Instrumentierung:
Orch.: 2 2 3 3 - 4 2 2 1 - Schl(3), Vl(16), Va(10), Vc(10), Kb(10); Ens.: Ob, Kl(Es), Ssax(B), Solo-Vl, Akk, Klav, Tb.
Instrumentierungsdetails:
Orchester: 1. Flöte
2. Flöte
1. Oboe
2. Oboe
1. Klarinette in B (+Kl(Es))
2. Klarinette in B
Bassklarinette in B
1. Fagott
2. Fagott
Kontrafagott
1. Horn in F
2. Horn in F
3. Horn in F
4. Horn in F
1. Trompete in B
2. Trompete in B
1. Posaune
2. Posaune
Tuba
1. Schlagzeug
2. Schlagzeug
3. Schlagzeug
Violine(16)
Viola(10)
Violoncello(10)
Kontrabass(10)
Ensemble: Oboe, Kleine Klarinette in Es, Sopransaxophon in B, Solo-Violine, Akkordeon, Klavier, Tuba
Commission:
Die Originalfassung 2002 wurde vom WDR Sinfonieorchester Köln in Auftrag gegeben. Die revidierte Fassung 2006 entstand im Auftrag von MaerzMusik – Festival für aktuelle Musik | Berliner Festspiele.
Dauer:
20’
Widmung:
für Harry Vogt und Peter Eötvös, die das Entstehen des Stückes angeregt haben
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Hörbeispiele

Poussla
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Poussla
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Poussla
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Die gesamte Ansichtspartitur (PDF-Vorschau)

Werkeinführung

Der Ausgangspunkt für das Orchesterstück war das Ensemblewerk Pusline. Pusline nennt man ein litauisches Streichinstrument mit einer Tierblase als Resonanzkörper, das ziemlich scharf klingt. Poussla könnte man als Großform von Pusline verstehen, würde man das nicht im Litauischen Pusla schreiben. So handelt es sich bei dem Wort Poussla um ein Kunstwort, ein Wortspiel, das keiner bestimmten Sprache angehört. Darin sind alle möglichen Bedeutungen von „pusten”, „pousser” (franz.), „Blase”, „blasen”, stoßen, drängen, an/voran-treiben usw. enthalten. Vor allem aber assoziiere ich mit Poussla eine spezifische Direktheit im Ausdruck.

In Pusline habe ich versucht, eine nicht lineare Dramaturgie zu bilden. Ein Energiefeld, das in jedem Augenblick präsent ist, sich ständig dreht und immer wieder neue Hörperspektiven bietet. Ein schwingendes Objekt hat seine eigenen Bewegungsgesetze: Sein Ausschlag kann größer oder kleiner sein, es kann sich schneller oder langsamer bewegen, zu einem Stillstand kommen, sich wieder einschwingen oder andere Schwingungen in Gang setzen. Solche Verhaltensweisen sind der physikalischen Struktur eines Klanges sehr ähnlich: seinem Aufbau aus mehreren Teiltönen, die für sich schwingen, jedoch in bestimmten Proportionen zueinander stehen. Ein Klang ist wie ein großes Rad mit vielen kleinen Rädchen im Getriebe. Der Sinn des Schwingens hat kein Ziel – der Sinn des Schwingens ist das Schwingen selbst. Dieser Gedanke bildet eine Grundlage nicht-linearer Struktur. Jedoch ist die Komposition Poussla keine Illustration dieses Vorgangs. Ich weiß auch gar nicht, ob diese Assoziation überhaupt das Wesentliche dieses Stückes trifft. So ein Bild kann für einen Komponisten ein Denkmodus bedeuten. Das heißt jedoch nicht, dass die entstandene Musik tatsächlich mit solchen Ideen identisch ist oder gar damit zu tun hat. Die Musik ist ein lebendiges Wesen, ein lebendiger Organismus, hat einen eigenen Willen und der Komponist hat nicht die alleinige Macht, dieses Wesen vollständig zu kontrollieren. Er kann es beeinflussen, anstoßen, ihm Richtungen geben, Entscheidungen treffen. Das Komponieren ist dabei eher ein Zusammenspiel zwischen dem Komponisten und dem Organismus Musik selbst. Man gibt Impulse, aber man bekommt von der Musik auch Impulse zurück, die man dann wieder verarbeitet und die dann wieder zurückschwingen.

Daher bin ich sehr skeptisch Versuchen gegenüber, die Musik mit Worten zu beschreiben. Sehr viele Hörer sind geradezu besessen vom „Verstehen”. Damit ist ein rationales, verbal orientiertes („logisches”) Denken gemeint. Jeder Komponist ist immer wieder gezwungen, erklärende Texte zu schreiben. Eine Tradition, die aus der Rationalismus-Utopie der 50er und 60er Jahre kommt und in der sich eine Art Produktionsroutine transformiert hat. Das ist meiner Meinung nach sinnlos, denn man „versteht” die Musik nicht besser, wenn man die Struktur oder irgendwelche Details kennt. Auch die Entstehungsgeschichte der Werke sagt nichts über die Musik: Das ist so, als ob man glauben würde, dass man durch die Beschreibung von Butter dem Wesen von Brot näher käme, da beide offensichtlich in einem „Butterbrot-Verhältnis” stehen. Sie lächeln, nicht wahr? Aber so empfinde ich es, wenn ich meine Musik beschreiben soll. Ein Ausweg aus dieser Situation ist für mich zu sagen: „Klar, mach ich, aber erst beschreiben Sie mir bitte die Farbe ‚Grün‘. Das ist für mich notwendig.” Damit endet die Konversation und man fängt an, über etwas Anderes zu sprechen.

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es verschiedene Arten des „Verstehens” gibt. Die Musik ist ein anderes Medium, sie wirkt auf einer anderen (nicht logisch-verbalen) Ebene. Die Musik ist nur anwesend, wenn sie erklingt: Sie existiert nicht im Denken, das der Musik vorausgeht, nicht in der Beschreibung ihrer Charakteristika, in der Kritik und der Analyse. Sie ist nicht einmal in der Partitur, dort stehen nur „Aufführungsinstruktionen”. Man kann über die Musik nur im Medium der Musik selbst „denken”. Ein Klang lässt sich nur mit einem anderen Klang beschreiben. Und man kann nur einen Klang und nicht die Beschreibung eines Klanges erinnern. In diesem Fall erinnert man sich an die Beschreibung, jedoch nicht an den Klang. Man kann die Musik nur mit Hilfe der Musik selbst, also von innen heraus „verstehen”.

Und jeder Versuch, sich der Musik auf der Ebene der Sprache anzunähern, erlischt hoffnungslos, noch bevor man überhaupt anfängt. Es entsteht eine Fiktion von „Musik”. Sehr oft führt das Reden über Musik zu extrem komplexen Texten, die sehr wenige nur lesen können und die auch kein Mehr an Erfolg bringen. Und der Glaube, mit Worten irgendetwas ausgedrückt zu haben, ist nichts anders als eine Selbsttäuschung oder vielleicht ein Hilfeschrei von jemanden, der tatsächlich keinen Zugang zur Musik hat. Ich will diesen Weg nicht gehen. Ich gehe nicht davon aus, dass der Zuhörer das Werk erst dann empfinden kann, wenn er sich darüber informiert hat. Nein, der Zuhörer muss nichts wissen! Er muss nur eine innere Offenheit für den Klang haben, für das Unbekannte, für etwas, das man vielleicht mit gewöhnlichen Begriffen einfangen kann. Er muss auch keine Angst haben, dass etwas auf ihn zukommt, das seine weltanschaulichen Prinzipien destabilisiert oder sich für ihn unbequem anfühlen könnte. Er muss sich entscheiden und in die Welt des Klanges eintauchen!

Vykintas Baltakas

Sonderausgaben

Poussla

Vykintas Baltakas: Poussla

Dirigierpartitur
für Ensemble und Orchester , 20’
Besetzung: Orch.: 2 2 3 3 - 4 2 2 1 - Schl(3), Vl(16), Va(10), Vc(10), Kb(10); Ens.: Ob, Kl(Es), Ssax(B), Solo-Vl, Akk, Klav, Tb.

Poussla

Vykintas Baltakas: Poussla

Studienpartitur
für Ensemble und Orchester , 20’
Besetzung: Orch.: 2 2 3 3 - 4 2 2 1 - Schl(3), Vl(16), Va(10), Vc(10), Kb(10); Ens.: Ob, Kl(Es), Ssax(B), Solo-Vl, Akk, Klav, Tb.

Uraufführung

Ort:
Berlin
Datum:
25.03.2006
Orchester:
SWR-SO Baden-Baden und Freiburg
Dirigent:
Sylvain Cambreling

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