Wolfgang Rihm: Grave

Wolfgang Rihm Grave
Grave

Wolfgang Rihm: Grave

Kompositionsjahr:
2005
Untertitel:
in memoriam Thomas Kakuska
Instrumentierung:
für Streichquartett
Komponist:
Wolfgang Rihm
Instrumentierungsdetails:
1. Violine
2. Violine
Viola
Violoncello
Dauer:
15’
Widmung:
dem Alban-Berg-Quartett
Mehr Weniger

Hörbeispiele

Grave
00:00

Werkeinführung

Wolfgang Rihm schrieb bereits 1981, als noch nicht dreißigjähriger aufstrebender Komponist, ein Werk für das Alban Berg Quartett. Sein 4. Streichquartett überraschte damals durch zahlreiche in der Tradition dieser Gattung verankerte Elemente, gab allerdings in keinem Takt den Anspruch einer zeitgenössischen wie individuellen Ausdrucksweise auf. Damit erwies sich das Stück als geradezu prädestiniert für das Alban Berg Quartett, ein Ensemble, das seit jeher für vorbildliche wie innovative Interpretationen des klassischen Repertoires und zugleich stetigen Einsatz für die Moderne steht. Nach 25 Jahren kommt es nun erneut zu einer Zusammenarbeit, wenngleich aus schmerzlichem Anlass: als die Uraufführung des 4. Streichquartetts in Badenweiler stattfand, war der Bratschist Thomas Kakuska gerade zu jener Formation gestoßen, deren Stil er für die nächsten Jahre wesentlich mitbestimmen sollte. Am 4. Juli 2005 ist Thomas Kakuska nach langer Krankheit gestorben. Rihms jüngstes Werk für Streichquartett, Grave, ist seinem Andenken gewidmet.

Im Quartettsatz nimmt die Bratsche normalerweise eine Position zwischen den beiden Violinen und dem Cello ein. Melodisch hält sie sich oft im Hintergrund, um dabei stets eine wesentliche Farbe beizutragen, als Mittelwert zwischen Höhen und Tiefen. Rihm widersteht der Versuchung, einen ganz aus diesem Klangbild ausbrechenden, nur auf dieses Instrument konzentrierten Satz zu schreiben. Er findet dennoch einen Weg, mit einigen zurückhaltenden Gesten eine Verbindung zum Widmungsträger herzustellen.

Nachdem die Musik mit einem mehrfach angespielten, leisen, doch dissonanten Akkord begonnen hat, entwickelt sich im sanften Duett der Violinen eine Melodie, begleitet vom Violoncello – die Bratsche schweigt. Allmählich beginnt sie sich als verborgen wahrnehmbare Farbe am Geschehen zu beteiligen. Nach klanglicher Verschärfung mündet der Abschnitt ins Geräuschhafte. Erst jetzt tritt die Bratsche hervor – zunächst mit einer sanft absteigenden Linie, dann mit einem gehauchten Motiv, dessen quasi-tonale Struktur die Passage noch eine Weile bestimmen wird. Überhaupt sind Andeutungen von Dur/Moll-Tonalität in diesem Satz keine Seltenheit. Immer wieder passieren Fragmente das Ohr des Hörers, die vage Erinnerungen auslösen, ohne dabei je den Eindruck einer naiven Rückkehr zum Vertrauten zu wecken. Dafür sorgt der für Rihm typische Umgang mit Dissonanzen, die subtile Setzung von Gegenwendungen bei tonalen Formulierungen. Regelmäßig unterbrochen durch 'auf dem Steg' gespielte, geräuschhafte Momente bewegt sich die Musik durch unterschiedliche Empfindungslagen. Etwa in der Mitte des Stücks kommt es gar zu einem beinahe tänzerischen Abschnitt, bei dem die Bratsche stimmführend ist. Darauf folgt eine hymnisch anmutende Episode, die jedoch in vierfachem pianissimo den Charakter stiller Trauer annimmt. Der Schluss gestaltet sich vorerst durch gehäuft dissonante, fast gewaltsame Gesten, um darauf in immer stärker zerklüfteter Motivik zu verebben. Die letzten Akkorde schlagen einen Bogen zum Anfang, ohne dabei – wie sonst oft bei Wolfgang Rihm – den Eindruck eines Kreislaufs, eines möglichen Neubeginns zu evozieren: Dynamik wie Harmonik formieren unmissverständlich einen Schluss.

© Eike Fess, November 2006

Aus unserem Onlineshop

Uraufführung

Ort:
Wien
Datum:
28.01.2007
Orchester:
Alban Berg Quartett

Weitere Werke

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!

Sie bekommen regelmäßig Informationen über neue Notenausgaben mit Gratis-Downloads, aktuelle Gewinnspiele und News zu unseren Komponistinnen und Komponisten.