16.05.19

Der neue Herzschlag der Musik

Reading time: 2 min. Jay Schwartz Premiere Tonus

Die Uraufführung von Jay Schwartz' neuem Werk Tonus – Music for Orchestra VI findet am 8. Juni 2019 im Theaterhaus Stuttgart als Kompositionsauftrag des SWR statt. Diese Komposition ist ganz besonders, denn sie wurde von der Motorik des Herzschlags inspiriert. Wie man sich das vorstellen kann?- Schwartz beschreibt seinen Kompositionsprozess mit: „Zwei ineinander verzahnte Ereignisse: X-Y. Y als Resultat von X, Y tritt aus X hervor, Y wird ausgelöst von X, analog zum Herzschlag, bestehend aus zwei Phasen: der systolischen und der diastolischen.“

Systole:
Anspannungsphase: Die Ventrikel kontrahieren sich; der Druckanstieg führt zu einem Verschluss der Segelklappen.
Austreibungsphase: Die Taschenklappen öffnen sich und das Herz pumpt Blut in die Aorta (linker Ventrikel) bzw. in die A. pulmonalis (rechter Ventrikel).
Diastole:
Entspannungsphase: Die Ventrikelkontraktion lässt nach und die Taschenklappen schließen sich. Füllungsphase: Die Segelklappen öffnen sich und Blut strömt aus den Vorhöfen in die Kammern.

Der dabei verwendete Begriff „Tonus“ stellt eine spannende Brücke zwischen Medizin und Musik dar:
Tonus (med.) ist der Zustand der Kürzung des Herzmuskels in der Phase der Diastole. Der Tonus bestimmt die Fähigkeit der Gegenwirkung des Herzmuskels zur schnellen Füllung der Höhle des Herzens mit dem Blut.
Tonus (mus.) ist der Ganztonschritt mit der Frequenzproportion 9:8.

„In meinen Studien zu dieser Komposition untersuchte ich Herzschlag-Geräusche, die ich digital extrem verlangsamte und in den musikalischen Kontext von Spannung/Entspannung setzte. Dies ergab das Spannungsverhältnis von zwei ineinander verzahnten Klang-Ereignissen. Das zweite ist ein Teil des ersten und tritt aus dem ersten hervor oder scheint vom ersten ausgelöst worden zusein. Anders gesehen: ein erstes Klangereignis wird im Zeitverlauf gefiltert, und hierdurch – durch das Wegfallen von Klangschichten – wird ein zweites, scheinbar neues Klangereignis langsam entlarvt. Diese ineinander verzahnten Klangereignisse, anfangs geräuschhafte Cluster, werden langsam harmonisch konkreter, bis sich ein Akkordpendeln im Ganztonverhältnis (Tonus) einstellt. Dieses zweiteilige Spannungsverhältnis, ähnlich dem systolisch-diastolischen Herzschlag, ist die formale Basis der Komposition sowie auf der Mikro-Ebene – wo extrem verlangsamte Herzschläge quasi Pate standen für die Orchestrierung der ineinander verzahnten Wellen und Klanggebilde – wie auch auf der Makro-Ebene, wo nun eine zeitlich zentral platzierte Katharsis (genau gesagt, auf etwa 8/9 der Zeitskale der Komposition) aus der Spannung der Klanggebilde und -Verläufe der ersten Hälfte der Komposition hervorzutreten und das bisherige System zu überdehnen und zu kippen scheint; ausgelöst wird eine „diastolische“ Phase der Entladung. „Die Segelklappen öffnen sich und Blut strömt aus den Vorhöfen in die Kammern“.“

Jay Schwartz

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