08/01/2020

Im Gedenken an Bálint András Varga (3.11.1941 – 31.12.2019)

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„Liebe UE! Heute ist Ihre Karte eingetroffen – völlig unerwartet. Es war umso schöner, sie zu öffnen und zu lesen. Ja, ich war gerührt.“ So beginnt Bálint Varga einen Brief an die UE, seine „zweite Heimat“, die ihm 2016 zum 75.Geburtstag gratuliert hat. Von 1992 bis 2007 war Bálint Varga als Promotionmanager für die UE tätig und es war anfangs keineswegs ausgemacht, dass er sich im Westen und im Bereich der Musik einen Namen machen würde.

Ins kommunistische Budapest geboren, studierte Varga zunächst Anglistik und Slawistik an der dortigen Universität. Es folgten bewegte Jahre in der englischen Sektion des Ungarischen Rundfunks. Die Beherrschung der englischen Sprache ermöglichten ihm viele Begegnungen mit großen Interpreten und Komponisten, die er für das Radio interviewte. Arthur Rubinstein war darunter, Igor Strawinsky traf er einmal in einer Hotellobby. Das eingerahmte Autogramm zierte seitdem sein Wohnzimmer.

Der Musikverlag Editio Musica Budapest wurde 1971 auf ihn aufmerksam und engagierte ihn für etwas, was es in Ungarn so noch nicht gab: Promotion für Komponisten und Promotion für deren Werke. Die Arbeit mit und für Komponisten und die wissbegierige Auseinandersetzung mit deren Oeuvre schienen seine Bestimmung zu werden.
1991 kam dann der Ruf nach Berlin, wo er stellvertretender Direktor des Ungarischen Kulturinstituts in Berlin wurde, 1992 folgte der Ruf nach Wien zur Universal Edition, dem Musikverlag, der wohl wie kein zweiter die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts abbildet. Das war vielleicht sein wichtigstes Kapitel. Seitdem lebte er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Wien und wurde nicht müde zu betonen, dass er als Jude nicht mehr in die von aufkeimendem Antisemitismus heimgesuchte Geburtsstadt zurückkehren will. Denn auch das war er, eine sehr empfindsame und auch verletzte Seele.

Seit seinem ersten Tag in der Universal Edition genoss er aufgrund seines Wissens große Autorität. Er war der Hüter vieler Schätze. Schätze, die er aber stets großzügig zu teilen bereit war, wenn er ehrliches Interesse vernahm und aufrichtige Haltung spürte. Er zeigte uns eindrücklich, wie Netzwerkarbeit funktioniert und welche Qualitäten ihn selbst ausmachten: Leidenschaft und Beharrlichkeit. Bewundernswert war schon immer seine Beharrlichkeit, wenn er Talent oder gar Genie witterte. Die Konzertveranstalter, Opernhäuser und Orchester, als deren Berater sich der Promotor Varga sah, wenn sie das zuließen, haben das nicht immer verstanden. Viele aber schätzten sehr den intellektuellen Austausch mit ihm. Seine Fähigkeit, Beziehungen zwischen Komponisten der unterschiedlichsten Schulen und Querverbindungen zwischen am ersten Blick nicht verwandten Werken zu finden, diese Fähigkeit schöpft aus einer beeindruckenden, intellektuellen Quelle. Viele große Erfolge gingen ausschließlich auf seinen Einsatz zurück, etwa der Krenek-Schwerpunkt bei den Bregenzer Festspielen 2009 und viele mehr.


Wolfgang Rihm, dessen Verlagsbetreuer er lange Jahre war, hat über ihn sehr treffend gesagt: „Die leise insistierende Diskretion, mit der Bálint seine Verlagsarbeit tat, schätzte ich ungemein. Er nahm dadurch dem berufsmäßig geforderten Propagieren alles Marktschreierische, Anpreisende - damit: die unwahren Anteile.“
Bálint András Varga hat sich nie in den Vordergrund gedrängt und doch wurde er als einer, der in der ersten Reihe steht, wahrgenommen.

Eine berührende Liebeserklärung vieler „seiner“ Komponisten erhielt er als er 2007 Abschied von der aktiven Verlagstätigkeit nahm. Sie würdigten ihn mit einer Reihe von ergreifenden Kammermusikstücken, die im Musikverein zu diesem Anlass uraufgeführt wurden. Es war der „schönste Tag seines Berufslebens“.
Er hatte schon in Budapest begonnen, Bücher zu schreiben. Die Aufzeichnungen seiner Gespräche mit Iannis Xenakis nehmen da eine ganz besondere Rolle ein. Ein Muss für jeden, der den Komponisten György Kurtág und sein Schaffen studiert, sind die fast intimen Gespräche, die er mit Varga geführt hat.

Es gibt wunderbare Dokumente von Begegnungen mit Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Friedrich Cerha, Harrison Birtwistle, Johannes Maria Staud, Georg Friedrich Haas, Luciano Berio, Arvo Pärt und vielen anderen. Beobachtungen und Berichte von unschätzbarem Wert.
György Ligeti darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, verband die beiden doch eine lebenslange Freundschaft und Ligeti war es auch, der dazu beitrug, dass Bálint András Varga in Wien Fuß fassen konnte.
Die große Wertschätzung, die er Komponisten gegenüber stets hatte, kommt besonders in seinem Buch zum Ausdruck, das den originellen wie wahren Titel trägt: Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks.

Bálint András Varga hatte in seinem Leben nicht wenige Hürden und Prüfungen, politische und persönliche, zu bestehen. Aber letztlich mit dem Ergebnis eines erfüllten Lebens. Ein erfülltes Leben, das von jenen Klängen geprägt ist, die meist erst erobert werden wollen, die uns danach aber nicht mehr loslassen.
Er hat uns gezeigt, wie man Menschlichkeit mit Professionalität verbindet.

Die UE verneigt sich in Dankbarkeit.

Eric Marinitsch / Wolfgang Schaufler