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Luciano Berios vielleicht bedeutendste „Ricomposizione” im Sinne einer Neusicht alten Materials stellt das Werk Rendering nach Vorlagen und Motiven von Franz Schubert dar. Es entstand 1988/89 für das Concertgebouworkest Amsterdam und wurde unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt uraufgeführt. Berio schreibt über seine Arbeit an Rendering: In den letzten Wochen seines Lebens fertigte Franz Schubert vielerlei Skizzen zu einer Zehnten Symphonie in D-Dur (D 936 A) an. Diese Entwürfe sind ziemlich komplex und von vollendeter Schönheit. Es sind dies weitere deutliche Hinweise für Schuberts Entwicklung, welche vom Einfluss Beethovens wegführt. Rendering mit seiner zweifachen Autorenschaft soll eine Restaurierung dieser Skizzen sein, keine Vollendung oder Rekonstruktion. Diese Restaurierung folgt den Richtlinien einer modernen Freskorestaurierung, die auf eine Auffrischung der alten Farben abzielt, ohne die durch die Jahrhunderte entstandenen Schäden kaschieren zu wollen, wobei sogar leere Flecken im Gesamtbild zurückbleiben können (wie etwa im Falle Giotto in Assisi). Gelegentlich finden sich in den Entwürfen, welche hauptsächlich in Form eines Klaviersystems notiert sind, auch Instrumentationshinweise. Diese sind jedoch meist in Kurzschrift geschrieben und mussten vor allem in den mittleren und unteren Stimmen ergänzt werden. Die Orchestrierung folgt jener der Unvollendeten, aber während die offensichtlich Schubert’schen Klangfarben erhalten blieben, zeigen sich in der musikalischen Entwicklung der Komposition Episoden, die sich an Mendelssohn anzunähern scheinen, und die Orchestrierung möchte dies widerspiegeln. Darüber hinaus lässt die Expressivität des zweiten Satzes aufhorchen, welchem der Geist Mahlers innezuwohnen scheint. Die Skizzen sind durch ein sich ständig wandelndes musikalisches Gewebe verbunden, immer „pianissimo” und „fern”, untermischt mit Anklängen an das Spätwerk Schuberts (die Klaviersonate B-Dur, das Klaviertrio B-Dur, usw.) und durchsetzt mit polyphonen Passagen aus Fragmenten derselben Skizzen. Dieser musikalische „Zement” bildet den fehlenden Zusammenhang und füllt die Lücken zwischen den einzelnen Entwürfen. Er wird stets durch Celestaklänge angezeigt und soll „quasi senza suono” und ohne Ausdruck gespielt werden. Während der letzten Tage seines Lebens nahm Schubert Unterricht in Kontrapunkt. Notenpapier war teuer, und dies könnte der Grund dafür sein, dass sich unter den Skizzen zur Zehnten Symphonie eine kurze, einfache Kontrapunktübung findet (ein Kanon in Gegenbewegung). Diese wurde ebenfalls instrumentiert und dem Andante eingegliedert. Das beschließende Allegro ist gleichermaßen beeindruckend und der wohl polyphonste Orchestersatz, den Schubert jemals komponiert hat. Diese letzten Entwürfe sind trotz ihres sehr fragmentarischen Zustandes von hoher Homogenität und zeugen von Schuberts Versuchen, ein und dasselbe thematische Material auf verschiedene Art und Weise kontrapunktisch zu verarbeiten. Diese Skizzen zeigen abwechselnd den Charakter eines Scherzos und eines Finales. Diese Zweideutigkeit (welche Schubert wahrscheinlich in einer neuartigen Weise gelöst oder aber verschärft hätte) war von besonderem Interesse: der musikalische „Zement” soll neben anderen Besonderheiten eben diese Doppelbödigkeit strukturell hervorheben.

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Richard Strauss

Morgen!

für tiefe Singstimme und Orchester

In der Sopranistin Pauline de Ahna fand Richard Strauss nicht nur eine lebenslange Begleiterin und Muse, sie war auch eine ausgezeichnete Interpretin seiner Lieder. Morgen! entstand einige Monate vor der Hochzeit des Paares und ist in Op. 27 (1894) enthalten. Der Zyklus besteht aus vier Liedern (Ruhe meine Seele, Cäcilie, Heimliche Aufforderung und Morgen!), die Strauss als Hochzeitsgeschenk für Pauline, die er am 10. September 1894 in Marquatschein heiratete, komponierte. Im Jahr 1897 orchestrierte Strauss die ursprüngliche Fassung für Gesang und Klavier, damit Pauline den Zyklus auch in Konzerten aufführen konnte, die Strauss dirigierte. Morgen!John Henry Mackay, 1864–1933 Und morgen wird die Sonne wieder scheinenUnd auf dem Wege, den ich gehen werde, Wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen,Inmitten dieser sonnenatmenden Erde … Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen,Werden wir still und langsam niedersteigen,Stumm werden wir uns in die Augen schauen,Und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen ...

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Auftraggeber der Oper war Alexander Zemlinsky, der ursprünglich das Textbuch hätte vertonen sollen und der Schreker um ein Libretto bat, in dem es um die Tragödie des hässlichen Mannes gehen sollte. Da aber Schreker von dem Stoff so angetan war, formte er ihn selbst zu seinem Opernhauptwerk. Der triumphale Erfolg der Uraufführung etablierte Schreker endgültig als einen der bedeutendsten Opernkomponisten des frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Werkmachte er bis zur Verfemung durch die Nationalsozialisten sogar den Opern von Richard Strauss Konkurrenz. Die Gezeichneten gerieten dann für viele Dekaden in Vergessenheit und wurden erst dank einer Aufführung in Frankfurt 1979 wiederentdeckt. Das vergessene Meisterwerk hat heute völlig zu Recht wieder seinen Weg auf die Weltbühnen gefunden und wird auf den Spielplänen immer häufiger gesehen. Obwohl erst zwischen 1913 und 1915 entstanden, ist Schrekers Oper Die Gezeichneten ein Fin-de-siècle Drama, in dem neben den Momenten der Dekadenz der charakteristische Gegensatz zwischen Kunst und Leben im Mittelpunkt steht. Die Oper basiert auf dem Theaterstück Hidalla oder Sein und Haben von Frank Wedekind, und spielt im Genua der Renaissance-Zeit. Der hässliche, verkrüppelte Alviano Salvago hat im Meer nahe der Stadt eine den Naturschönheiten und der Kunst gewidmete Insel namens Elyseum erbauen lassen. Doch von seiner eigenen Hässlichkeit besessen hat er die Insel noch nie betreten. Diesen Ort möchte er der gesamten Bürgerschaft Genuas zugänglich machen und ihn der Stadt schenken. Gegen Alvianos Willen hat der gutaussehende und selbstbewusste Aristokrat Tamare ein Bordell auf der Insel eingerichtet, in dem Genueser Adlige entführte Mädchen missbrauchen. Zwischen den beiden Männern steht die Malerin Carlotta. Sie erkennt die edle Seele unter Alvianos Missgestalt. Er willigt ein, ihr Modell zu stehen, und die beiden verlieben sich ineinander. Doch Carlotta fühlt sich auch von Tamares Schönheit angezogen und lässt sich von ihm verführen. Alviano überrascht die beiden in flagranti und tötet Tamare. Als Carlotta neben dessen Leiche vor Verzweiflung stirbt, verliert Alviano den Verstand. Über die Entstehung des Gezeichneten-Buches ist nur wenig zu sagen. Ein Komponist [Anm. Alexander Zemlinsky] verlangte von mir, ich solle ihm ein Opernbuch schreiben. Erstaunt und etwas befremdet fragte ich ihn, ob er einen Stoff habe, mir ein Thema wüßte. Er antwortete nichts als dies: „Schreiben Sie doch einmal die Tragödie des häßlichen Mannes!“ Und ich schrieb sie. Nun muß ich freimütig gestehen: je weiter die Arbeit gedieh, um so verhaßter, unerträglicher wurde mir der Gedanke, nicht ich, ein anderer solle die Musik dazu schreiben, eine Musik, die in mir bereits feste Umrisse, Gestalt gewann. Und es war mir, als gäbe ich dem ändern mit der Dichtung zugleich mein musikalisches Selbst, als verschacherte ich damit mein Inneres, meinen Lebensnerv. Und ich nahm mir vor, um das Buch zu kämpfen. Es war nicht notwendig. Mein Kollege in Apoll war ein einsichtsvoller Mann und verstand mich, ohne daß es vieler Worte bedurft hätte. Franz Schreker, Musikblätter des Anbruch, 2. Jahrgang, Nummer 16; 2. Oktober-Heft 1920

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