Friedrich Cerha: Eine Art Chansons

  • für Chansonnier, Schlagzeugspieler, Klavier und Kontrabass
  • Dauer: 65’
  • Solisten:
    Chansonnier (mittlere Stimme, eventuell verstärkt)
  • Instrumentierungsdetails:
    Klavier
    Schlagzeug (+Vib
    Xylor
    Glsp
    Bck)
    Kontrabass
  • Komponist: Friedrich Cerha
  • Textdichter: AnonymusFriedrich CerhaGerhard RühmFriedrich Achleitner KlabundErnst JandlKurt SchwittersHorst BienekArthur SchopenhauerBeat BrechbühlFred EndrikatWerner FinckBrigitte PeterHermann Jandl

Werkeinführung

In den frühen Fünfzigerjahren stand ich – wie früher schon ausgeführt – mit einigen meiner Komponistenfreunden avantgardistisch gesinnten jungen Malern nahe, die sich im Art-Club gesammelt hatten; ihr Vereinslokal, der 'Strohkoffer', wurde aber auch von jungen Dichtern (H. C. Artmann, Gerhard Rühm, Konrad Bayer etc.) frequentiert, die später mit anderen (etwa Ernst Jandl) unter dem Begriff 'Wiener Gruppe' subsummiert wurden.

Ihre Sprachexperimente mit hochdeutschen Elementen, Dialekt, verballhornten Fremdsprachen oder auch Sprachfehlern waren mir also früh bekannt, ich hatte aber zu diesem Zeitpunkt keine konkreten Vorstellungen, um mich kompositorisch damit auseinander zu setzen. Stilistisch schloss diese Literatur natürlich an dadaistische Vorbilder an, auch u. a. an Schwitters (dessen Kleines Gedicht für große Stotterer ich übrigens in meinen Zyklus aufgenommen habe). Die meisten Gedichte aus den Fünfzigerjahren unterscheiden sich aber von Dadaistischem durch einen realen, erfahrbaren Hintergrund, auf dem sich die Verformungen vollziehen. Der Zyklus von 60 Miniaturen, in dem ich auf Grund meiner Erfahrungen nun dieses Material, das mich jahrzehntelang begleitet hatte, kompositorisch in die Hand nehmen und eine Methode entwickeln konnte, die Texte musikalisch überzeugend adäquat ihrer Sprache und ihrer Mentalität zu gestalten, ist vielschichtig. Er umfasst artistische Sprach- und Formspiele, Alltags-Satiren, Populär-Groteskes und Politisch-Zeitkritisches. Insgesamt hat es mich gereizt, an Stelle der gepflegten Aura des Lieds die Direktheit des Chansons anzupeilen, die sakrifizierten Bereiche der 'Großkunst' einmal hinter mir zu lassen, mich auf dem gefährlichen Terrain der 'Kleinkunst' zu bewegen und bei Wahrung des musikalischen Qualitätsanspruchs – teilweise spielerisch – Verhaltens- und Reaktionsweisen zu überspitzen, ins Absurde zu überdrehen oder auch das Schaurig-Banale an der Realität unmittelbar zu zitieren. Ich hoffe, ein Publikum zu finden, das mir auf dieser Gratwanderung mit Vergnügen – zuweilen auch mit Betroffenheit – folgt.

Von besonderer Bedeutung war mir der dramatische Aufbau des Zyklus. In seiner Mitte kristallisiert sich ein sehr ernsthaft zeitbezogener Abschnitt (Wien Heldenplatz, 13. März) heraus, später auch ein nostalgisch gefärbter (Kleeblattgasse). Gegen Ende häufen sich die Dialekttexte. Natürlich wird insgesamt immer wieder mit Zitaten, aber auch nur mit Modellanspielungen gearbeitet. Zugeschnitten ist das Ganze auf vier äußerst virtuose, intelligente Musikerfreunde, von denen der Komponist und 'Chansonnier' Heinz Karl Gruber weitere Anregungen gab.

Friedrich Cerha

Hörbeispiele

Uraufführung

Ort:
St. Pölten (AT)
Datum:
28.06.1988
Dirigent:
HK Gruber
Hauptsolisten:
Kurt Prikoda, Rainer Keuschnig, Josef Pitzek

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